Mark, am Wochenende habe ich mich gefragt, wer eigentlich die größeren Ideologen sind: Politiker oder Ökonomen. Der Anlass war das Treffen der Kanzlerin mit den Ökonomienobelpreisträgern in Lindau. Merkel mahnte die Wissenschaftler, die eigenen Befunde kritischer zu sehen. Die Preisträger antworteten wie üblich von sich überzeugt: Sie nannten die Sparpolitik in Europa "völlig falsch". Merkel habe außerdem die falschen Berater.

So leicht kann man es sich machen. Ich finde: zu leicht.

Denn natürlich hat Merkel mit ihrer Kritik recht. Die Ökonomie leidet nicht nur an einem Erkenntnisproblem, also daran, dass ihre Modelle die Wirklichkeit nicht hinreichend beschreiben. Sie hat auch ein Ideologieproblem, oder genauer: ein Problem damit, die wissenschaftliche Erkenntnis schärfer von Werturteilen zu trennen.

Wie kaum eine andere Sozialwissenschaft orientiert sich die Ökonomie an den Naturwissenschaften. Viele der Forschungsarbeiten sind heute voller Formeln und Zahlen. Der Anschein, der dadurch entsteht, ist der, dass die Ökonomen die Welt vermessen können, dass es also so etwas gibt wie objektiv richtiges Handeln. Aber das stimmt nun mal nicht.

Du weißt ja, dass die Ökonomen in Wahrheit in fortwährende Grabenkämpfe verstrickt sind: Neukeynesianer kämpfen gegen Neoklassiker, und wer am Ende welche Meinung vertritt, hängt sehr davon ab, welcher Schule er anhängt. Die Gedankengebäude sind nicht neutral, und oft ist erstaunlich, wie dünn die empirische Basis hinter den Ratschlägen ist, die aus ihnen abgeleitet werden. Es wäre redlich, wenn vor allem meinungsstarke Ökonomen wie etwa der Amerikaner Paul Krugman öfter darauf hinweisen würden, dass sie nicht die Wahrheit, sondern eine von vielen verkünden.

Spätestens seit der letzten Krise zeigt sich zudem, dass die Grabenkämpfe das eigentliche Problem verdecken. Fast alle ökonomischen Modelle kranken daran, dass sie wesentliche Effekte außer Acht lassen: die Psychologie des Menschen oder die Dynamik komplexer Systeme. Ökonomen führen also oft den falschen Streit. Wenn sie die Wirtschaft besser verstehen wollen, müssen sie sich miteinander verbünden.

Zur Erneuerung sollte auch gehören, dass in der Debatte strengere wissenschaftliche Maßstäbe gelten. Der Philosoph Karl Popper hat gelehrt, dass jede Theorie ersetzt gehört, die der Realität nicht mehr standhält. Für Ökonomen ist es heute leichter, ihn beim Wort zu nehmen. Mithilfe von Big Data lassen sich Modelle empirisch überprüfen und verbessern. Und überall dort, wo sich Disziplinen zusammentun, entsteht Gutes: etwa wenn Ökonomen mit Psychologen untersuchen, was den Menschen antreibt.

Kein Wunder, dass zuletzt zwei Bücher das Denken verändert haben, die weitgehend ohne ideologisches Grundgerüst auskamen. Das eine war Schulden von David Graeber, das andere war die Abhandlung von Thomas Piketty über Arm und Reich. Graeber ist Anthropologe, kein Ökonom. Und Piketty vertraut Daten mehr als Modellen. Ihr Erfolg zeigt: Die Ökonomie würde relevanter, wenn sie ergebnisoffener forschen würde. Und wenn sie auch mal sagte, was sie nicht weiß. Meinst du nicht? Dein Philip

Lesen Sie hier die Antwort von Mark Schieritz.