Philip, du klingst wie Gerhard Schröder. Der hat einmal gesagt, es gibt keine linke und rechte, sondern nur gute und schlechte Wirtschaftspolitik. So einfach ist es aber leider nicht. Eine wertfreie Erkenntnis mag in der Physik oder der Chemie vielleicht noch möglich sein: Die Natur lässt sich relativ exakt vermessen, das naturwissenschaftliche Experiment kann für jeden überprüfbar nachvollzogen werden.

Im Zentrum der Ökonomie aber stehen der Mensch und sein Verhalten, und das macht die Sache erheblich komplizierter. Wir können vorhersagen, mit welcher Geschwindigkeit ein Apfel vom Baum fällt. Wir können aber nicht vorhersagen, wie Individuen oder gar ganze Gruppen von Individuen in bestimmten Situationen agieren. Denn eine Volkswirtschaft lässt sich nicht im Labor nachstellen. Und in der realen Welt ist jede Situation anders: Wenn es in einem Land gelingt, die Konjunktur durch niedrigere Zinsen anzukurbeln, dann bedeutet das noch lange nicht, dass das in anderen Ländern gelingen wird.

Daran ändert auch die Verhaltensökonomie nichts, von der du dir so viel versprichst. Wissenschaftler können bestimmte Entscheidungssituationen in einem Experiment durchspielen. Aber das hilft in der Praxis nicht immer weiter. Denn in der realen Welt, in der zahlreiche Anreize auf einmal wirken, verhalten sich Menschen dann doch häufig anders. Wenn die Theorien der Verhaltensökonomen die Wirklichkeit so viel besser erklären würden, dann müsste man damit an der Börse eigentlich viel Geld verdienen können. Davon ist mir aber nichts bekannt.

Gewiss: Es gibt ökonomische Prinzipien, die praktisch immer und überall gelten. Der Preis einer Ware hat fast immer etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun. Die großen wirtschaftspolitischen Fragen unserer Zeit aber – mehr Staat oder weniger, Schulden abbauen oder Geld ausgeben – lassen sich nicht ausschließlich unter Rückgriff auf die Empirie beantworten. Es ist schwierig, ein gerechtes Steuersystem zu entwickeln, wenn schon umstritten ist, was unter dem Begriff Gerechtigkeit zu verstehen ist.

Deshalb wird es auf diese Fragen auch keine endgültigen Antworten geben. Deshalb spielt in der Ökonomie das Erkenntnisinteresse des Forschers eine so wichtige Rolle – und seine Weltanschauung. Und deshalb brauchen wir die unterschiedlichen Schulen und ihre Modelle. Man kann sie, wie du es tust, als bloße Ideologie abtun. Sie sind aber der Versuch, die Welt zu ordnen – also einen bestimmten Erklärungsansatz in allen seinen Konsequenzen systematisch zu durchdenken.

Übrigens sind gerade die Bücher von Graeber und Piketty ein Beleg für diese Sichtweise. Für Graeber zeigt die Geschichte der Menschheit, warum Schulden von Übel sind. Man könnte auch die gegenteilige These aufstellen: Dass erst Schulden die Zunahme des materiellen Wohlstands im Zuge der industriellen Revolution möglich gemacht haben. Und was Piketty angeht: In Fachkreisen wird seit Wochen darüber gestritten, ob er seine Daten richtig interpretiert hat.

Damit will ich keineswegs sagen, dass Ökonomen die Realität ausblenden und sich in ihre Modellwelten zurückziehen sollten. Aber es wäre eine Illusion, zu glauben, dass eine Ökonomie, die relevant sein will, auf Werturteile verzichten kann. Dein Mark

Lesen Sie hier den Text von Philip Faigle.