Dienstagnacht rauchten in der ÖVP-Zentrale in der Wiener Lichtenfelsgasse die Köpfe. Nachdem der bisherige Obmann Michael Spindelegger seine Partei mit seinem Abgang überrumpelt hatte, eilten die Königsmacher aus allen Windrichtungen herbei, um einen neuen Obmann für die verwaiste Partei zu küren. Nur einer fehlte, und das war ein Alarmzeichen: Der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll, die graue Eminenz der Partei, urlaubte fern der Heimat.

Im Parteivorstand standen sich zwei Fraktionen gegenüber: Die einen wollten eine Entscheidung auf die lange Bank schieben, die anderen drängten auf eine Entscheidung. Nach knapp drei Stunden hatten sie sich durchgesetzt: Der 58-jährige Oberösterreicher Reinhold Mitterlehner, bislang Wirtschafts- und Wissenschaftsminister, übernimmt den Laden. Das war, im Unterschied zu den Ereignissen des Morgens, keine große Überraschung mehr.

Gerade einmal 46 Minuten Vorwarnung gewährte Vizekanzler Michael Spindelegger, als er Dienstag früh überraschend die Medienvertreter in das Dachgeschoss des Finanzministeriums in der Wiener Innenstadt lud. Schnörkellos, aber gallbitter gab er dort bekannt, er lege mit sofortiger Wirkung alle seine Ämter in der Regierung und der Volkspartei zurück. Nach etwas mehr als sechs Minuten war der Knalleffekt schon wieder vorüber. Das sei jetzt sein letzter Medienauftritt gewesen, sagte Spindelegger zum Abschied.

"Ich bin nicht überrascht", meinte kurz darauf Erwin Zangerl in Innsbruck. "Es war sehr vernünftig von ihm, die Notbremse zu ziehen, bevor sie wer anderer zieht." Noch am Tag zuvor hatte der schwarze Präsident der Tiroler Arbeiterkammer seinen Parteiobmann zum Rücktritt aufgefordert. "Die Welt hat sich weiter gedreht, aber das ist an der ÖVP vorbeigegangen", sagte der Parteirebell nun. "Wir brauchen jetzt eine Rückkehr zur Volkspartei, in der sich alle Bevölkerungsschichten aufgehoben fühlen."

Der Konflikt zwischen der Parteiführung in Wien und den auf ihre Hausmacht bedachten ÖVP-Funktionären in Westösterreich schwelte seit Monaten. Streitpunkt in immer neuen Facetten war die unnachgiebige Haltung des Finanzministers in der Steuerpolitik. Vehement blockte Spindelegger jede Forderung nach einer baldigen Senkung der Lohn- und Einkommensteuer ab, gleich, ob sie vom Koalitionspartner oder den Landesfürsten der Volkspartei vorgetragen wurde. Der Vizekanzler beharrte vielmehr auf seinem Mantra, eine Steuerreform sei erst dann vorstellbar, "wenn wir sie uns leisten können". Eine Gegenfinanzierung durch vermögensbezogene Steuern, wie das die Sozialdemokraten vorschlugen, kam für ihn nicht infrage, stattdessen sollten Einsparungen in der Verwaltung die benötigten Mittel aufbringen. Das klang auch in den Ohren von Spindeleggers Parteifreunden stets gefährlich nach Sankt-Nimmerleins-Tag. Immer mehr waren nicht mehr bereit, sich vertrösten zu lassen.

Im Mai hatte der Streit dann seinen ersten Höhepunkt erreicht. "Entweder der Finanzminister ändert rasch seine Politik – oder seinen Posten", schimpfte der Tiroler Erwin Zangerl bereits damals ( ZEIT Nr. 21/14) und wusste die widerspenstige Westachse der Volkspartei hinter sich. Überall wurde spekuliert, der Durchhalteprediger Spindelegger werde sich womöglich demnächst auf einen EU-Posten nach Brüssel absetzen. Lediglich die erfolgreichen Europawahlen, bei denen die ÖVP ihren Spitzenplatz verteidigen konnte, nahmen den Parteiobmann vorübergehend aus der Kritik.

Indes verstummten weder in der Regierung noch in der ÖVP die Rufe nach einer Lockerung der Steuerschraube. Der rote Koalitionspartner trommelt unermüdlich sein gewichtigstes politisches Thema, mit dem er versuchte, die Volkspartei ins politische Abseits zu schieben. Dann verstärkten auch noch die Gewerkschaften mit einer breit angelegten Sommerkampagne den Druck auf den Finanzminister, und die schwarzen Länderchefs erkannten, dass sie sich nicht länger straflos der populären Forderung widersetzen konnten. In die Rolle der Millionärs-Beschützer wollten sie sich keinesfalls drängen lassen.