Der Hamburger Spieler – Seite 1

Zur Klärung ein paar Worte vorab: Die Diagnose von psychischen Störungen und das Erkennen von persönlichen Stilen und Verhaltensweisen sind Bestandteil meiner täglichen Arbeit. Aufgrund der Lektüre eines Buches, ohne den Betroffenen gesprochen zu haben, kann ich keine Diagnose stellen – ich kann lediglich Symptome analysieren. Alles andere wäre zu einfach, und einfache Erklärungen bieten genügend andere an.

Ronald Barnabas Schill ist zurück. Der ehemalige Innensenator und "Richter Gnadenlos" hat sich freiwillig in die Gefangenschaft von Promi Big Brother begeben und nun auch noch ein Buch veröffentlicht. Es heißt Der Provokateur. In 97 Kapiteln, auf 205 Seiten, hämmert er mit seinen Botschaften auf die Leser ein. Kritische Selbstreflexion ist dabei die Sache von Ronald Schill nicht. "Am 23. September 2001 eroberte ich – ganz auf mich allein gestellt – das Bundesland Hamburg", schreibt er gleich im Vorwort.

Das Buch ist ein triviales Drama. Aber es gibt zu denken: Was ist das für ein Mann? Und wie konnte Hamburg auf ihn reinfallen?

Schill steigt groß ein. "Als bekennender Hedonist war ich stets darauf bedacht, mein Leben so zu gestalten, dass es sich lohnt, darüber ein Buch zu schreiben." Ja, das glaube ich ihm. Auch, dass er schreibt: "Ich liebe die Provokation." Aber dann: "Nur ein Spiel!" Das nehme ich ihm nicht ganz ab.

Solche Verhaltensmuster sind typisch für Menschen, die wir sensation seekers nennen: Bei einigen passiert schon innerlich so viel, dass sie keine großen Anregungen von außen brauchen. Aber es gibt auch andere, bei denen – vereinfacht gesagt – innerlich nicht viel passiert. Damit sie sich überhaupt spüren, müssen diese Menschen irgendwie handeln. Wilde Segeltörns um die Welt machen oder eben ständig provozieren. Der sensation seeker spürt sich als Mensch besonders gut in der Konfrontation. Und über die Rückmeldung anderer. Er ist da in gewisser Hinsicht süchtig.

Schill macht aus seinen Süchten keinen Hehl. "Zum einen half mir meine Droge Tavor", schreibt er, "zum anderen half mir meine Droge Sex." Tavor ist ein Beruhigungsmittel, das Ängste löst und entspannt. Das Suchtpotenzial ist hoch. Indirekt lässt das darauf schließen, wie stark sein innerer Druck war.

Auch die Sexsucht passt zum sensation seeker: Menschen mit vielen Ängsten und Spannungen brauchen oft eine Form von Externalisierung. In dem Moment, in dem sie von außen Aktion spüren, entfernen sie sich von ihrem Innerlichen. Schill schreibt immer wieder von seinem "Lieblings-Swingerclub", von Frauen als Sexobjekten, von Segeltörns mit Gruppensex. Auch in der Politik gab er keine Ruhe. Immer drauf: Er sucht das Abenteuer, große Herausforderungen, will große Reaktionen hervorrufen.

"Mein Schwanz brach mir das Genick", glaubt er.

Schills Vokabular ist permanenter Kampf

Nein, Herr Schill, diese Erklärung für Ihr Scheitern ist nicht richtig. Leider ist es eben auch an dieser Stelle nicht so einfach. Der Hintergrund des Scheiterns ist komplexer und beinhaltet auch Aspekte, die deutlich oberhalb der Gürtellinie zu finden sind. Nachdenken, in die Tiefe gehen und hinter die Dinge sehen, hätte sicherlich manchen schillernden Effekt zunichtegemacht, aber eben auch die eine oder andere Niederlage verhindert.

Die Wortwahl des Autors ist geprägt von Begriffen wie "Schlacht", "Gegner", "Verräter", "den Feind zur Strecke bringen". Sein Vokabular ist permanenter Kampf, permanente eigene Überhöhung.

Das liest man und findet es erst mal unsympathisch.Vieles, was Schill beschreibt, hat Züge eines narzisstischen Persönlichkeitsstils. Er zeichnet Menschen aus, die sich vor allem gut fühlen, wenn sie angehimmelt werden. Meistens sprechen Narzissten schlecht über andere, entwerten sie, um sich selbst zu überhöhen. Es gelingt ihnen nur selten, sich in andere hineinzuversetzen und zu spüren, dass ihr Verhalten abstoßend wirkt.

"Mit einem einzigen Urteil wurde ich im Oktober 1996 deutschlandweit bekannt", beschreibt Schill die Geburt seines Markenzeichens als Richter Gnadenlos. Dabei schwingt Stolz mit auf die eigene Härte: Er schickte eine Frau für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis, ohne Bewährung, weil sie den Lack mehrerer Autos zerkratzt hatte. "Ich war berufen, innerhalb des möglichen Strafrahmens ein Exempel zu statuieren."

Typisch für Menschen mit einem narzisstischen Persönlichkeitsstil ist, dass sie selbst damit eine Zeit lang durchaus gut zurechtkommen können. Es ist die Umwelt, die leidet. Die negative Reaktion der Umwelt bedroht dann allerdings im zweiten Schritt das Selbstwertgefühl eines Menschen mit narzisstischem Persönlichkeitsstil. Schill wirkt fast einsichtig, wenn er schreibt, sein Verhängnis sei die Maßlosigkeit gewesen.

Maßlosigkeit, Entschlossenheit und eine gehörige Portion Respektlosigkeit: Das sind zweifellos Eigenschaften, die zur Bekanntheit des ehemaligen Innensenators beigetragen haben. Dazu ein sicheres Gefühl für Botschaften, die den Bedürfnissen großer Bevölkerungsschichten zu dieser Zeit entsprachen. Wie konnte Hamburg auf Ronald Schill reinfallen?

Die Antwort kann nur systemisch gegeben werden: Die Konstellation aus gesellschaftlichen und politischen Stimmungen, gepaart mit einfachen Botschaften und charismatischen Reden, war 2001 die Grundlage dafür, dass die Botschaften Schills so gut ankamen. Schill bediente genau das, was die Gesellschaft damals "brauchte". Im Rückblick erscheint es, als hätte die Stadt unter einer Depression gelitten: Es fehlte so etwas wie eine Vorstellung von Zukunft. Es wurde vor allem auf das Negative geschaut, auf alles, was nicht funktionierte – zum Beispiel im Umgang mit Drogenabhängigen und Straftätern. Alles war irgendwie unten, dann schafft so ein Mann mit einfachen Lösungen eine Perspektive: Ich befreie euch von Verbrechen. Nicht, dass es keine kritischen und warnenden Stimmen gegeben hätte; aber diese wurden eben von mindestens 20 Prozent der Hamburger nicht gehört.

Bei Depressionen lassen Antrieb und Interesse nach, Betroffene betrachten Dinge nicht mehr in der Tiefe. Das hat es Schill leicht gemacht. "Ich ergriff Besitz von der Stadt", schreibt er.

Diejenigen, die ihm geholfen haben, kommen nicht vor – oder werden allenfalls abschätzig erwähnt. So bleibt am Ende nur er übrig. Damit ist Der Provokateur im Grunde ein trauriges Buch: Der Protagonist bleibt existenziell durchgehend allein. Viele Menschen, denen es so geht, haben in ihrer Kindheit Liebe nur für eine bestimmte Leistung bekommen. Sie wurden nicht bedingungslos angenommen, sondern nur, wenn sie etwas ganz besonders gut gemacht hatten, und deshalb glauben sie: Nur wenn ich besonders gut bin, bin ich etwas wert. Das heißt aber auch im Umkehrschluss: Wenn ich nichts besonders Gutes leiste, bin ich auch nichts wert. Das Selbstwertgefühl bleibt brüchig und abhängig von äußeren Faktoren.

In seinem Buch schildert Schill konsequent seine wiederholten Niederlagen und Abstürze, die er beruflich, politisch, gesellschaftlich und persönlich erlebt hat. Wenig war für ihn nachhaltig, Schill hat seine Erfolge immer wieder selbst zunichtegemacht und letztlich für sie einen hohen persönlichen Preis gezahlt. In ähnlicher Weise verläuft auch die Lektüre des Buches: Schillernder Auftakt, große Worte, am Schluss bleibt ein schales Gefühl.

Die Geschichte des Provokateurs ist mit der letzten Seite des Buchs nicht zu Ende. Menschen sind nicht gefangen in ihrem Tun und Verhalten, in der Prägung ihrer Persönlichkeit. Jeder hat die Möglichkeit, sich zu verändern. Manchmal geht das nicht allein, und ein professioneller Blick von außen ist hilfreich. Dafür gibt es in Deutschland viele offene Türen.