Pro: Es geht bloß um Warnstreiks von ein paar Tagen oder Stunden, das ist nichts im Vergleich zu den Streiks früherer Zeiten

Erst drohten sie mit Streik, dann kündigten die Lufthansa-Piloten an, es doch noch mal mit Verhandlungen zu versuchen. Es ist also noch gar nicht ausgemacht, dass sie wirklich streiken. Und auch bei der Bahn ist unklar, ob und wann die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) einen Streik ausruft. Dennoch ist jetzt schon die Aufregung groß: Dürfen die das überhaupt? Ist das richtig, wenn solche Berufsgruppen den Verkehr im ganzen Land in Geiselhaft nehmen, um ihre Ziele zu erreichen?

Keine Frage, ihre Streiks nerven. Fallen Züge oder Flüge aus, leiden Pendler und Urlauber darunter. Aber das ist bei vielen Arbeitskämpfen ähnlich: Räumt die Straßenreinigung im Winter den Schnee nicht von den Straßen, trifft es Autofahrer, treten Erzieher in den Ausstand, geraten Eltern in Not, bleiben Busfahrer zu Hause, haben Tausende Probleme, ins Büro zu kommen. Und auch wenn Flugbegleiter die Arbeit verweigern, hebt kein Flieger ab – worunter 2012 mehr als 100.000 Passagiere litten. Ein Streik trifft oft Unbeteiligte. Aber deshalb wird niemand Erziehern, Busfahrern oder Flugbegleitern das Streikrecht absprechen. Es steht ihnen zu – genauso wie Piloten und Lokführern.

Auch die Tarifforderungen, die jetzt erhoben werden, sind beileibe nicht ungewöhnlich. Die Piloten wollen eine Gehaltserhöhung, wehren sich aber vor allem gegen Kürzungen. Denn eine Ruhestandsregelung, die in ihrem Beruf seit vielen Jahren gilt, soll verschlechtert werden. Die Lokführer verlangen fünf Prozent mehr Lohn bei weniger Arbeitszeit. Das klingt nach viel, aber dass Gewerkschaften hohe Forderungen stellen, ist normal – nur so können sie am Ende einen normalen Abschluss erzielen. So läuft das Spiel eben. Auch das ist kein Grund, den Tarifkampf der Flugkapitäne und Eisenbahner als besonders verwerflich zu brandmarken.

Sind Piloten überbezahlt? Gut möglich. Auch die Lokführer? Schwer zu sagen. Bei Streiks heißt es gerne, die einen oder anderen bekämen zu viel oder seien privilegiert. Das ist leicht dahingesagt, aber so einfach lässt sich gar nicht festlegen, welche Bezahlung bei welchen Arbeitsbedingungen, welcher Verantwortung und welcher Qualifikation angemessen ist – und bei welcher wirtschaftlichen Lage. Hat die Lufthansa kein Geld für höhere Löhne? Ihren Aktionären zahlte sie zuletzt 208 Millionen Euro Dividende. Am Ende können nur die Arbeitgeber und Arbeitnehmer der jeweiligen Branche darüber entscheiden – und manchmal gehört dazu ein Streik.

Dabei ist es nicht unanständig, wenn eine einzelne Berufsgruppe für ihre Interessen kämpft. Bei der Bahn erweckte die Gewerkschaft Transnet (heute heißt sie EVG) lange den Eindruck, auf Kuschelkurs zur Unternehmensführung zu sein. Sie verlor massenhaft Mitglieder. Viele wandten sich da der GDL zu. Das ist nicht verwerflich, das gehört zur grundgesetzlich geschützten Freiheit, sich einer Gruppe anzuschließen. Im Übrigen will die GDL jetzt das ganze Zugpersonal vertreten. Sie versucht über ihren Berufsstand hinaus, Mitarbeiter zu organisieren. Das könnte man solidarisch nennen – wird ihr aber als machtgierig vorgehalten.

Oft wird über die schwache Lohnentwicklung geklagt. Nun kämpfen Arbeitnehmer, und schon heißt es, sie sollten Ruhe geben. Doch hierzulande wird ohnehin wenig gestreikt. Auf 1.000 Beschäftigte kommen 16 Streiktage pro Jahr, in Frankreich sind es 150. Und es geht momentan nur um Warnstreiks von ein paar Tagen oder Stunden! Das ist nichts im Vergleich zu den wochenlangen Arbeitskämpfen früherer Zeiten.

Von Kolja Rudzio