Bis vor fünf Jahren pflanzte der Bauer Löhr – wie zuvor sein Vater und sein Großvater – in Niedersachsen Getreide an. Dann fielen die Weizenpreise dramatisch, und Löhr suchte nach einer neuen Einnahmequelle, die weniger wetter- und spekulationsanfällig ist. Er entschied sich für die Geflügelzucht, besuchte Schulungen, machte ein Praktikum bei einem Hähnchenmäster und schloss sich der Rothkötter Unternehmensgruppe an, die von der Brut über das Tierfutter bis zur Schlachtung alles zentral steuert. Die Manager von Rothkötter schlugen Löhr den Hühnertyp Ross 708 vor, weil dieser besonders viel Brustfleisch hat und genau das liefert, was Rothkötters Abnehmer Aldi, Lidl und McDonald’s wollen: große Hühnerbrüste.

Seit Löhr im Jahr 2011 seine Hähnchenmastanlage in Betrieb genommen hat, schläft er wenig. Sechs Tage in der Woche muss er in den Stall, die Apparate und Tiere überprüfen. Er kämpft mit Darmkeimen, verstopften Futterleitungen – und einem neuen Hass, der ihn überrumpelt hat. Zwar wusste er, dass viele Verbraucher heute Wert auf artgerechte Haltung legen. Der Bioboom war ihm nicht entgangen, auch hatte er schon früh von Anschlägen auf Bauern in der Gegend gehört. Aber wollten die Kunden nicht auch billiges Fleisch? Und war es nicht ein ganz normaler Beruf, den er da hatte?

"Wir sind doch auch nur Menschen", sagt Löhr.

"Mensch" – bei diesem einfachen Wort fängt für Radikale wie Anita Buschow das Problem schon an. Sie finden nicht, dass ein Mensch mehr wert sei als ein Tier. Für sie gibt es bloß "menschliche Tiere" und "nicht menschliche Tiere". Beide atmen und fühlen. Beide leiden, wenn man sie schlägt. Beide trauern, wenn man ihnen den Nachwuchs nimmt. Aktivisten fordern deshalb dieselben Rechte für Tiere wie für Menschen. Aber wie weit darf man für seine Ideale gehen?

Fast jede Zeit erzeugt ihre gewaltbereiten Bewegungen – oft dann, wenn sich am Rande einer breiten gesellschaftlichen Strömung Extremisten sammeln. Vom Ende der sechziger Jahre an formierten sich in der Bundesrepublik im linken Milieu gesellschaftskritische Gruppen. Die weniger Radikalen besetzten Häuser und ließen sich an Gleise ketten, manche warfen bei Demonstrationen Steine auf Polizisten. Dahinter stand der Gedanke, dass der kapitalistische Staat bekämpft werden müsse, um den Menschen – speziell den Arbeiter – aus einer Knechtschaft des Systems zu befreien. Eine Minderheit glitt in den Terror ab. Die Mehrheit fand sich wieder in einer neuen Partei, den Grünen.

Ähnlich ist es jetzt bei den militanten Tierrechtlern, die sich als Speerspitze eines gesellschaftlichen Trends sehen, der eigentlich frei ist von Gewalt: In Deutschland interessieren sich mehr Verbraucher als je zuvor für die Herkunft ihrer Lebensmittel, immer mehr Menschen fühlen sich dem Wohl der Tiere verpflichtet. Und nie zuvor waren Großbauern, Schlachthöfe und Mäster einer so großen Skepsis ausgesetzt.

Im Fernsehen kocht der telegene Vorzeigeveganer Attila Hildmann und zeigt dabei seinen gestählten Körper, in Großstädten eröffnen vegane Restaurants und Modeboutiquen, die vegane Supermarktkette Veganz expandiert von Deutschland aus nach ganz Europa. Nach Skandalen um BSE, Dioxin-Eier, Gammelfleisch, Hühnerpest, Antibiotika-Schweine und mit Bakterien verseuchte Wurst haben viele Menschen aufgehört, Fleisch zu essen. In einigen Milieus haben Vegetarier oder sogar Veganer die Meinungsführerschaft erlangt. Heute muss sich zunehmend derjenige erklären, der noch Fleisch isst – und nicht, wer darauf verzichtet. Die radikale Tierrechtsbewegung nutzt den Moment.

Es war unser Aufschrei gegen die kollektive Ignoranz unseren Mitgeschöpfen gegenüber
Rechtfertigung extremer Tierrechtler für einen Anschlag auf einen Schlachthof

Die Aktivisten berufen sich dabei auf ein Konzept, das sich Antispeziesismus nennt. Ausgehend von den Ideen ihres Vordenkers Peter Singer, sehen sie sich als Erben jener Freiheitskämpfer, die erst die Grenzen zwischen den Rassen sprengten und dann die zwischen den Geschlechtern. Nun sollen auch die Grenzen zwischen den Spezies fallen. Nach dieser Logik ist der Antispeziesismus der nächste große Freiheitskampf nach Antirassismus und Antisexismus: Tierbefreier wollen nicht nur Tiere aus Käfigen befreien, sondern jedwedes Lebewesen aus jedweder Herrschaft. Bloß wie?

"Wir hatten das alle noch nie gemacht", sagt Anita Buschow, wenn sie sich an ihre ersten Versuche erinnert, einen Brandsatz zu bauen. Bei Treffen der Szene und auf Internetseiten erfuhren sie und ihre Freunde, dass andere, die ihre Ziele teilten, offenbar schon den entscheidenden Schritt gegangen waren. Überall in Niedersachsen, so schien es, standen seit einiger Zeit Mastanlagen in Flammen. Anita und ihre Freunde befüllten Flaschen mit Benzin, versahen sie mit Zündern – und testeten die selbst gebauten Brandsätze in einem entlegenen Waldstück. Wenn Anita das Feuerzeug an den Zünder hielt, dauerte es fünf bis zehn Minuten, bis sich ein Feuer entwickelte, das einen Laster oder ein Haus hätte niederbrennen können. Genug Zeit, um zu verschwinden, bevor die Flammen bemerkt würden. Und hoffentlich zu wenig Zeit, als dass noch jemand ins Gebäude gelangen könnte, mit dem man nicht gerechnet hatte.

"Solche Aktionsformen waren für mich moralisch schon immer unproblematisch", sagt Anita. Im Verhältnis zum massenhaften Mord, der in einem Mastbetrieb geschehe, sei ein zerstörtes Gebäude geradezu harmlos. Wichtig sei, sagt Anita, nur leer stehende Hallen niederzubrennen, zum Beispiel Ställe kurz vor der Fertigstellung, damit kein Tier und kein Mensch zu Schaden komme.

Dass sich aber in jedem Gebäude ein Obdachloser verkrochen haben könnte, dass fliegende Funken in trockenen Sommern ganze Landschaften entzünden könnten, sagt sie nicht.

Ihr Lager, erzählt Anita, hatten sie während der Vorbereitung ihres Anschlags in der Wohnung eines Freundes aufgeschlagen. Sie trugen Ganzkörper-Maleranzüge, Mundschutz, Handschuhe. Einen ganzen Raum hatten sie mit Malerfolie ausgelegt – auf dem Teppich sollten keine Haare oder Hautschuppen zurückbleiben. Keine DNA von allen Mitgliedern der Zelle an einem Ort, das gehört zu den Vorsichtsmaßnahmen. Auf der Folie lagen bereit: Plastikflaschen, Gefrierbeutel, Teppichklebeband, Streichhölzer, Benzinkanister, Draht, Pattex, Brennstäbe aus Taschenwärmern.

Man würde gern genauer erzählen, wie Anita Buschow und ihre Freunde leben, wie sie denken, welche Erlebnisse sie militant werden ließen. Doch die Aktivisten geben kaum etwas Persönliches preis, das man in der Zeitung wiedergeben darf. Man muss ihre Biografien zu einem Prototyp vergröbern. Fasst man zusammen, was die meisten von ihnen kennzeichnet, entsteht dieses Bild: Der gewaltbereite Tierrechtler wohnt eher in der Stadt, nicht auf dem Land. Er stammt aus akademischen Verhältnissen und ist zwischen 20 und 30 Jahren alt. Er studiert noch oder geht schon einem – meist bürgerlichen – Beruf nach. Er lebt gemeinsam mit Freunden in einer Wohngemeinschaft oder allein in einer Mietwohnung. Er geht manchmal ins Kino oder Theater. Er nimmt nicht an Wahlen teil, weil sich kein Parteiprogramm mit seinen Zielen deckt. Er lebt strikt vegan, klebt aber keine Tierrechtsaufkleber an seine Tür. Laut Handbuch der ALF sollen militante Aktivisten ein unscheinbares Leben führen und nicht offen politisch aktiv werden. Wer Brandsätze baut, taucht nicht bei einer friedlichen Blockade irgendeines Schlachthofs auf und versucht auch ansonsten nicht weiter auffällig zu werden.

Man darf sich keinen Vollzeitterroristen wie Andreas Baader vorstellen, wenn man an Öko-Extremisten denkt. Kein Leben im Untergrund, abgekoppelt von Familie und Freunden.

Den sichtbaren Teil der Tierrechtlerszene kann man an einem Wochenende im August bei einem "Aktionscamp gegen Tierfabriken" im niedersächsischen Niendorf beobachten. Etwa fünfzig Schüler, Studenten, Wissenschaftler, Arbeitslose, Freiberufler und Angestellte sind aus ganz Deutschland angereist. Zwischen Blumenbeeten und Seerosenteich haben sie auf einem ehemaligen Bauernhof ein Zeltdorf mit Kompostklo und Solardusche aufgebaut. Es sind etwa gleich viele Männer und Frauen da und auch ein paar, die sich nicht darauf festlegen lassen wollen, ob sie eher Mann oder eher Frau sind.

Während der Gespräche in ihren Zelten reden sie von "Massenmord" und "Tierausbeutung", draußen rennen Hunde ohne Halsband umher, die nur pflanzliches Futter bekommen.