In der südlichen Riddermark, in einer Schlucht zwischen den steilen Gipfeln des Weißen Gebirges, liegt die Festung Helms Klamm. Mächtiges Bollwerk an der Grenze zu Gondor. Im dritten Buch von J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe wird sie zum Schauplatz einer epischen Schlacht. Die Rohirrim, blonde, großherzige Verbündete der Hobbits, verteidigen Helms Klamm gegen die Orks, Fabeltiere mit monsterhaften Fratzen, die für die Mächte der Finsternis kämpfen.

Dass Tolkien die Szene Anfang der fünfziger Jahre in seinem Arbeitszimmer in der Northmoor Road 20 in Oxford aufschrieb, wissen wir. Im Laufe der Jahre haben Biografen immer neue Türen geöffnet, um der Lebenswelt des Englischprofessors näherzukommen und sein Genie zu begreifen. Doch bisher ist niemand so weit vorgedrungen wie John Garth. Sein Buch Tolkien und der Erste Weltkrieg verschafft uns Zugang zu Tolkiens Gedankenwelt. Der Autor zeichnet die emotionale und intellektuelle Entwicklung von John Ronald Reuen Tolkien nach und liefert eine neue These zu den Ursprüngen der fantastischen Geschichten von den Hobbits in Mittelerde. Der Herr der Ringe entstand nicht aus seinen Weltkriegserlebnissen der vierziger Jahre. Vielmehr verarbeitet Tolkien in seiner High Fantasy die traumatischen Erfahrungen und Erinnerungen, die er 1916 als Frontsoldat gemacht hatte. Zehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist das Buch nun, endlich, auch in der deutschen Übersetzung zu haben.

J. R. R. Tolkien kam mit einem außergewöhnlichen Sprachtalent auf die Welt. Latein und Französisch beherrschte er schon einigermaßen, als er gerade mal sechs Jahre alt war. Diese Begabung verschaffte ihm ein Stipendium an der altehrwürdigen King Edward’s School in Birmingham, wo er durch seine brillanten Deutschaufsätze auffiel, Textpassagen aus Ovid in lateinischer Sprache analysierte und die Komödien von Aristophanes selbstverständlich im Original aufführte. Mit seinen Freunden unterhielt er sich auf Altgriechisch, "als wäre es seine Muttersprache", schreibt Garth.

Aber Sprachen waren für ihn mehr als ein Werkzeug. Tolkien, so der Autor, "verstand sie als lebende Organismen", die ihn auf die unterschiedlichste Weise faszinierten. Durch seinen charakteristischen Sprachfluss hatte Altgriechisch für Tolkien "eine glitzernde Oberfläche". Garth zitiert hier den Tolkien-Biografen Humphrey Carpenter: "Worte waren für ihn wie Musik. Er genoss es, sie zu hören, zu lesen, zu rezitieren." Gleichzeitig verlangte sein scharfer Verstand danach, diese Organismen auch wissenschaftlich zu erfassen. Ihre Biologie zu studieren. Als Teenager nahm er sich die kümmerlichen Reste der gotischen Sprache vor und leitete ihr verloren gegangenes Vokabular aus anderen, überlieferten, germanischen Sprachen ab.

"Das Kind mit zu viel Fantasie", als das Tolkien sich beschrieb, konstruierte außerdem eigene, elfische Sprachen, die später zum Teil durch die Bewohner von Mittelerde bekannt wurden. Zwar wurden die erst viel später erschaffen, aber sein Hobby führte Tolkien schon früh in das dämmrige Grenzland der Menschheitsgeschichte, wo Drachen und Fabelwesen wohnten.

Wie tief er in diese Welt eingetaucht war, zeigt auch seine Reaktion auf die politischen Spannungen in Europa am Vorabend des Krieges. Während des Studiums in Oxford hatte er sich erneut intensiv mit dem Angelsächsischen beschäftigt, der Sprache der Nordgermanen, die England vom 5. Jahrhundert an besiedelten und damit Englands Urväter waren, nicht seine Feinde. Tolkien räumte später selbst ein, "dass er sich zum germanischen Ideal" stark hingezogen fühlte", schreibt Garth. Dass der Krieg dann tatsächlich ausbrach, war für Tolkien zunächst ein Dilemma. Er beendete sein Studium, absolvierte einen Offizierslehrgang und traf schließlich Ende Juni 1916 im Hinterland der Westfront ein. Für den Fernmeldeoffizier Tolkien begann der Krieg mit der Schlacht an der Somme, dem epischen Grabenkampf, in dem mehr als eine Million Soldaten getötet wurden. Ihr Elend ist vielfach überliefert. John Garth beschreibt, was Tolkien am 27. August 1916 erlebte: "Morgens um 1.30 Uhr wurde Tolkien wieder an die Front geschickt. Sein neues Zuhause war mit Leichen deutscher Soldaten übersät. Sie standen unter Beschuss und um die schrecklich Lage noch zu verschlimmern, kehrte der sintflutartige Regen zurück, der den Boden unter ihren Füßen in einen grauen, urzeitlichen Schlamm verwandelte."

Für die Soldaten in den Gräben auf beiden Seiten des Niemandslandes war jeder Tag wie dieser 27. August. In ihrem Leben gab es nur noch den Tod, sonst nichts.

Garth wehrt sich gegen zu direkte Vergleiche zwischen Tolkiens Krieg und den Schlachten in Mittelerde. Warum nur? Aufdringliche Parallelen gibt es zu Hauf. Tolkien beschreibt die Taktik der Orks in der Schlacht von Helms Klamm, als sie mit Rammböcken das Tor der Festung angreifen: "Wenn ein Mann fiel, von einem herabgeschleuderten Stein zerschmettert, sprangen zwei andere herbei und nahmen seinen Platz ein." Das genau war die Pflicht der Soldaten in den Gräben. Wenn vor ihnen ein Kamerad fiel, mussten sie nachrücken. Die Lücke füllen. Als Nächster sterben.

Worauf es dem Autor aber ankommt, sind genau die Gegensätze zwischen Tolkiens Kriegsrealität und seiner kriegerischen Fantasie. Denn in seiner Mythenwelt ist jede Schlacht moralisch legitimiert. Die Schlacht von Helms Klamm ist ein Duell zwischen Gut und Böse. Der Stellungskrieg an der Somme dagegen hatte jeden moralischen Anspruch verloren. Es war eine Welt der permanenten Finsternis. "Wir alle waren Orks", sagte Tolkien und meinte nicht nur die Soldaten auf beiden Seiten, sondern die kriegsführenden Nationen insgesamt. Aus diesen unvorstellbaren Widersprüchen sei Tolkiens "Mythologie des Kampfes zwischen Gut und Böse" entstanden, argumentiert John Garth. Schlicht gesagt, schafft Tolkien mit seiner Fantasy-Welt eine Arena für den biblischen Zweikampf zwischen Himmel und Hölle.

Es ist eine These, die nicht zuletzt durch die zahlreichen Zitate aus den Briefwechseln zwischen Tolkien und seinen besten Freunden an Wucht gewinnt. Sie waren vier teetrinkende Bücherwürmer, die sich im Internat zur Tea Club and Barrovian Society zusammenschlossen. Für Tolkien, dessen Eltern früh gestorben waren, wurde diese Brüderschaft der entscheidende emotionale Bezugspunkt. Mehr als an der eigenen Todesangst verzweifelte er an der Somme über die Nachrichten, dass zwei seiner Freunde gefallen waren. Wie so viele seiner Kameraden schrieb auch Tolkien sich den Schmerz in Gedichten von der Seele. Überhaupt spiegelt Garth die Entwicklung Tolkiens vom Jungen zum Mann immer wieder in dessen Lyrik. Die deutsche Fassung schafft das nur in Ansätzen. Viele Nuancen und Wortspiele sind in der Übersetzung verloren gegangen.