Nicht weit von der Praxis sitzt F. in einem Café. Er ist hager und wirkt abgekämpft, sein Job als Lagerarbeiter ist anstrengend. Anders als sein früherer Zahnarzt hat F. keinen PR-Berater. Aber er habe etwas anderes: "Schulden", sagt er. "Auch wegen der Zahnarztrechnungen."

Der Lagerarbeiter Michael F. erhält eine erste Rechnung über 22.793,41 Euro

Am Anfang ist F. froh, dass L. ihn überhaupt empfängt. Denn kurz nach Weihnachten 2011 plagen F. starke Zahnschmerzen. Sein Gebiss ist ohnehin ausgedünnt, F. hat schreckliche Angst vor Zahnärzten und schon seit Jahren keinen mehr besucht. Damit ist er nicht alleine. Bis zu 15 Prozent der Deutschen leiden unter Dentalphobie. Der bloße Gedanke an einen Bohrer oder der Geruch von Desinfektionsmitteln löst bei ihnen Panikattacken aus. Oft schieben die Betroffenen daher den Zahnarztbesuch so lange hinaus, bis er unvermeidbar wird. Und deswegen ist F. auch so froh, als er schließlich die Praxis von L. im Internet findet. Er hat zuvor neben den Schlagworten "Zahnarzt" und "Hannover" auch "Angstpatient" in die Suchmaschine eingegeben. Die ersten Praxen, die der Computer aufführt, haben zwischen den Feiertagen geschlossen. Schließlich meldet er sich in der Praxis von Ralf L. – und bekommt einen Termin.

Die Praxis in der Backsteinvilla, so steht es auf der Homepage, ist nicht irgendeine Praxis. Sie ist eine Implantatklinik. Und L. ist nicht irgendein Zahnarzt, er firmiert als Ärztlicher Direktor, Implantologiespezialist und Beratungszahnarzt. Sieht gut aus, hört sich gut an. Als Michael F. das Backsteinhaus betritt, lässt seine Angst etwas nach. Es riecht nicht nach Arzneimitteln, kein Bohrer ist zu hören. L. schüttelt dem Neuling die Hand wie einem alten Kollegen. Er scheint ein Arzt zu sein, dem Angstpatienten vertrauen können.

Kurz vor Silvester 2011 wird F. geröntgt. Er fürchtet sich vor der bevorstehenden Behandlung. Zahnarzt L. beruhigt ihn. "Reden kann er", sagt F. heute. L. lässt seinen Patienten diverse Papiere unterschreiben. Da habe er schon auf dem Behandlungsstuhl gesessen, erzählt F. im Café. Seine Unterschrift sei für die Krankenkasse nötig, glaubt er damals, bloß eine Formalie. Tatsächlich willigt der Lagerarbeiter F. in eine Privatbehandlung für mehr als 60.000 Euro ein.

Im Januar 2012 werden F. sechs Zähne gezogen und vier Übergangsimplantate eingesetzt. F.s neuer Zahnarzt kann mit diesen Implantaten später wenig anfangen, er hält sie für unnötig. Im Februar bekommt F. eine erste Rechnung für bisher erbrachte Leistungen: 22.793,41 Euro.

F. leiht sich Geld, um die Rechnung zu bezahlen. Bevor weitere Forderungen drohen, bricht er die Behandlung ab. Er habe L. damals ins Gesicht gesagt: "Sie haben mich in den wirtschaftlichen Ruin getrieben!", erzählt F. Der Beschuldigte erinnert sich nicht an diesen Vorwurf. Und es gibt ja tatsächlich dieses DIN-A4-Blatt mit einem Behandlungsplan, das F.s Unterschrift trägt: "61.355,15 Euro Gesamtkosten" steht darunter.

Ein solider Vertrag zwischen Erwachsenen? Oder hat L. die Arglosigkeit von F. ausgenutzt, der kaum wissen konnte, worauf er sich einlässt? Würde ein Angstpatient nicht alles unterschreiben, was man ihm vorlegt? Erst recht, wenn er schon auf dem Behandlungsstuhl sitzt?

"Ein Angstpatient sagt sich immer: Wenig Schmerz!", sagt eine Zahnärztin aus Berlin. "Wer es drauf anlegt, kann mit Angstpatienten richtig Geld machen." Nicht völlig unüblich seien aber auch Blankounterschriften. Patienten unterzeichnen also einen Behandlungsplan ohne konkrete Kosten, im Vertrauen darauf, dass sich die Einzelposten auf eine mündlich angekündigte, akzeptable Summe addieren. Patient F. sagt, er habe nicht gewusst, dass er die Behandlung privat zahlen solle.

Seit 2006 beschweren sich Patienten über Ralf L. bei der Zahnärztekammer Niedersachsen. Einen annähernd ähnlichen Fall wie der von F. kennt Kammerpräsident Michael Sereny nicht. "Über ihn haben wir mit Abstand die meisten Beschwerden." Einige Patienten haben sich sogar zu einer Initiative zusammengeschlossen und 2011 vor der Praxis in Hannover-List protestiert. Tenor: L. lulle Neulinge ein, erschleiche sich Unterschriften für fragwürdige Privatleistungen, rechne horrende Preise ab.

Im Internet wirbt Zahnarzt L. gezielt um Angstpatienten

Die Zahnärztekammern sind Einrichtungen öffentlichen Rechts, ihnen müssen alle praktizierenden Dentisten angehören. Sereny sagt, er verstehe eine "gewisse Skepsis" gegenüber L., die Zulassung entziehen könnten ihm aber nur ein Gericht oder die Behörden. Dazu müsste L. verurteilt werden.