Im September 2012 wird die Praxis von L. durchsucht. Wie bei Patient F. hat der Zahnarzt in Dutzenden weiteren Fällen für ein bildgebendes Verfahren rund 2.000 Euro berechnet. Dazu soll der Robodent eingesetzt worden sein, ein 3-D-Roboter, der Bilder von Kiefern und Zähnen liefert und ideal ist für Operationen. Ermittler werten die Robodent-Festplatte aus: Demnach wurde das Gerät seit 2010 nicht benutzt. Hat L. also Leistungen in Rechnung gestellt, die er gar nicht erbracht hat?

Lagerarbeiter Michael F. klagt im Oktober 2012 auf Schadensersatz. Zusammen mit seinem Anwalt, dem Medizinrechtler Marc Chérestal, fordert er 9.000 Euro zurück. Chérestal macht nicht die ganze Behandlung geltend, sondern Einzelposten, die L. seiner Meinung nach nicht hätte abrechnen dürfen. Neben dem Robodent tauchen fragwürdige Materialkosten auf, etwa für Zahnschrauben, die viermal so viel kosten sollen wie üblich. "Bei L.", sagt Chérestal trocken, "sind die Dinge oft teurer."

Vielleicht hat das damit zu tun, dass das kaum transparente Gesundheitssystem besonders schwer zu durchschauen ist, wenn es um Zähne geht. Einige Ärzte sagen, in der Zahnmedizin schreite die Kommerzialisierung deshalb besonders schnell voran. Die Eigenbeteiligungen für Patienten steigen seit Jahren.

Ralf L. hat zu jedem Vorwurf einen Flickenteppich an Erklärungen. Im Kern bleibt hängen, dass die Patienten die Behandlungspläne unterschrieben hätten. "Ich bin eben kein Kassenarzt", sagt er. Patienten wie F. hätten erst aus der Zeitung von laufenden Klagen erfahren – und sich diesem Trend angeschlossen. Und der Robodent? L. bestreitet, für das Gerät kassiert, es aber nicht eingesetzt zu haben. Und die teuren Zahnschrauben? Ralf L. will sich zu Preisen nicht äußern. Ob es ihm nicht seltsam vorkomme, dass allein am Landgericht Hannover derzeit fast jede Woche ein Termin zu einem Zivilprozess gegen Ralf L. anberaumt ist? L. entgegnet, er habe mehr als 17.000 Patienten versorgt, die Zahl der Streitfälle sei also vergleichsweise gering.

Dass gerade Angstpatienten zu ihm kommen, weiß L.: "Ich bin da ja spezialisiert." Auf seiner Homepage wirbt er damit, er ist im Fernsehen aufgetreten, in einigen Internetportalen wird er "Implantatpapst" genannt. Von wem das Lob stammt, ist unklar. Auch seine Bezeichnung "Beratungszahnarzt" sagt wenig aus, sie ist kein anerkannter Titel.

Apropos Titel: Das Amtsgericht Hannover verurteilte L. 2011 wegen Titelmissbrauchs, weil er einen zweiten Doktortitel zu Unrecht geführt haben soll. L. hat dagegen Rechtsmittel eingelegt. Zur aktuellen Anklage sagt sein Anwalt: "Herr L. wird sich mit allen vom Gesetz zur Verfügung gestellten Mitteln gegen die Vorwürfe wehren." Sollte das Landgericht in Hildesheim den Zahnarzt aus der Backsteinvilla für schuldig befinden, droht ihm Gefängnis. Bei gewerbsmäßigem Betrug sieht das Strafgesetzbuch eine Haftstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vor. Praktizieren dürfte L. dann nicht mehr.