Es gibt ein altes Spiel zur Aufsuchung fremder Orte, das geht so. Man breitet vor sich auf dem Tisch eine Landkarte aus, oder einen Stadtplan, und schließt die Augen. Finger in die Luft, dann stößt er herunter. Und dort, wo er landet, dorthin reist man, um das Unbekannte zu finden, etwas, das so fremd ist, dass es in keinem Reiseführer, keiner Empfehlungsliste auftaucht. So etwa könnte man sich vorstellen, dass die Heldin des neuen, dritten Romans von Esther Kinsky in einer Randzone von London gelandet ist, in den Marschlanden zwischen der Themse und dem von Norden in den Osten Londons heruntermäandernden kleinen River Lea. Abgesetzt in einer struppigen Szenerie, zwischen verwahrlosten Reihenhäuschen, Brachflächen, ausgeweideten Fabriken und einem brachigen Wasser – Am Fluss, wie der Name des Romans schon sagt.

Diese Frau hat ein Zuhause in London verlassen und verharrt, von einem späten Sommer bis zum Frühjahr, in dieser Randzone des Lebens. Eine Frau hat sich ausgesetzt. Warum, bleibt im Vagen. Die Heldin bleibt auch ohne Namen, wir wissen nicht, wie sie aussieht oder wie alt sie ist, aber man folgt ihr, atemlos, gebannt von einer präzisen, poetischen Sprache und seltsam schönen Szenen, über fast 400 Seiten, in einen Roman, der ein Terrain erkundet, das man Stadtnatur nennen könnte oder Erinnerung, vielleicht Seele.

Esther Kinsky, Jahrgang 1956, ist vor allem als Dichterin und Übersetzerin von Joana Bator und Olga Tokarczuk bekannt, als kongeniale Vermittlerin polnischer, russischer und englischer Literatur, 2009 wurde sie dafür mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet. Zuletzt, Anfang dieses Jahres, erschien von ihr ein kleiner Band, in dem sie eine Auswahl aus Henry D. Thoreaus Schriften Wild Fruits präsentiert, ein fast vergessenes Werk des legendären Naturphilosophen, der 1845 sein Eremitenleben am See von Walden in Massachusetts in einem Tagebuch festhielt und damit unsere Vorstellung prägte, was Natur ist oder Leben in der Natur, eine Aussteigervision mit Suchtpotenzial.

Kinskys kleiner Thoreau-Band Lob der Wildnis (Matthes & Seitz) enthält Porträts der Erdbeere, der Preiselbeere und der Heidelbeere und auf den ersten Seiten die Bemerkung: "Die meisten von uns haben zu der Gegend unserer Heimat noch ein Verhältnis wie der Seefahrer zu unentdeckten Inseln im Meer." Esther Kinsky hat diesen Satz wohl als Aufforderung begriffen. Als unerschrocken weitäugige Seefahrerin wird ihre Heldin in die Dünung einer Landschaft geschickt, in eine von Jahrhunderten planloser Ausbeutung durchpflügte Zone – ein Gegenpol zu Thoreaus Naturidylle. Romantik war gestern, dies in Richtung der großen Naturdichter der englischen Romantik, Mr. Coleridges und seines Freunds Wordsworth, gerufen.

Die Schmerzpunkte dieser Landschaft heißen: Old River Lea. Horse Shoe Point. Leyton Marsh. Hackney Wick. So die Namen von 37 Kapitelchen, in denen sich etwas entfaltet – was? Augen- und Fußwanderungen. "Der Fluß trug den Himmel, die Bäume am Ufer, die vertrockneten, kolbenartigen Blüten der Wasserpflanzen, die schwarzen Vogelschnörkel auf den Wolken", heißt es, als die Ich-Erzählerin den Flusslauf erkundet. Die weiße Blüte des Schöllkrauts, das Stöhnen und Ächzen der Züge. Die Füße tasten sich durch Unkraut bis zu einem versteckt liegenden Katzenfriedhof, die Umherstreifende entdeckt einen Trailer Park unter den Stützen einer Hochbrücke und kehrt ein im jüdischen Eckladen, um unter den missbilligenden Augen einer Perückenträgerin etwas zu erstehen, was sie nicht braucht. Sie zieht weiter und lauscht, auch in sich hinein, Wirklichkeit und Fantasie vermischen sich.

"Ich hörte die Brachvögel, Dommeln und Kiebitze, Schwermutslaute aus untraurigen Kehlen, ich sah meine Großmutter wieder am Fenster stehen und diese Vogelrufe ausstoßen, sich einbildend, die Vögel wären zu täuschen, sie könnte es mittels ihrer Herzenstraurigkeit den Lauten an sich ganz gleichmütigen Vogelkehlen gleichtun ... So geht jedem die Natur ans Leben – mit ihrem ungerührten Herzschlag, der an die herzbenannte Unruh aller Trauer rührt."

Der Text fließt dahin wie der Strom eines Bewusstseins, das sich nirgends verankern kann. Der Ton – der einer Elegie. Woher er rührt? Da ist ein angedeutetes Trennungsdrama, auch eine immer neu beschriebene Vergeblichkeit, Boden zu fassen. Die Worte aber sind die einer Dichterin. Dieses Buch ist ein Sprachereignis, mit seinen präzisen Gegenwartsbeschreibungen, die mitten im Satz, wie von einem DJ beschleunigt, zurück in Erinnerungen springen oder die Spur eines Mythos verfolgen, sich plötzlich zu burlesken Szenen weiten. In der Konstruktion ist das Werk ein gewagtes, experimentelles Unternehmen. Die Heldin macht Bilder von dem, was sie sieht, mit einer alten Polaroid, und sucht in den Unschärfen nach etwas, was nicht benannt wird, und stellt diese Bilder in ihrem Zimmer auf, als könne fortwährende Betrachtung das Unauffindbare erzeugen. Einige der Bilder sind einigen Kapiteln des Buches vorangestellt, man sieht schwarz-weiße Naturszenen, so wird der Leser zum Komplizen der Heldin und versucht sich in Zuordnungen – natürlich vergeblich.

Manchmal ist es so, als würde der Text wie ein alter Film in der Vorführung stecken bleiben und das Bild grell erleuchtend zu einer Blase aufblühen, in der dann andere Szenen auftauchen, die Ufer anderer Flüsse und Gewässer – der Rhein, der Fluss der Kindheit der Erzählerin (auch der Autorin), der Strand des Ontario-Sees bei Toronto, wo man das Ich als junge, mit einem Kind gestrandete Frau sieht. Der Ganges, den sie als Strom von Gerüchen, Gefühlen, Sprachfetzen erlebt.

Der Textstrom enthält Andeutungen von Autobiografischem, aber sein Thema ist größer. Es geht um das Überleben an den Abbruchkanten des Lebens, zwischen Land und Wasser, Erinnertem und Erhofftem, Vergangenem und Zukunft. Allen Gestalten, die den Roman bevölkern, ist diese prekäre Existenz eigen – es sind Verrückte, Vertriebene, Migranten, Gypsies. Bunt gewandete Inderinnen, die in einem heruntergekommenen Gemäuer Bürsten herstellen. Gaukler, die aufspielen, Menschen, die im Sichelrund einer ehemals eleganten, nun maroden Häuserreihe einen provisorischen Flohmarkt inszenieren. In einem verwilderten Park hat ein alter König im zerfetzten Prachtgewand seinen Auftritt, ein King Lear der Vororte, verloren wie der große Vorgänger auf seiner Heide. Männer mit langen Schläfenlocken flattern vorbei und erinnern an den ewig umherziehenden Juden Ahasver, als dessen weibliche Inkarnation auch das Ich des Romans erscheint. In einem Laden verhökert ein Kroate Secondhand-Schrott für Kriegsopfer, zu ihm kehrt die Erzählerin immer wieder zurück. Nicht, dass so Nähe entstünde, es ist, als wölbe sich Nähe von den Personen stets weg. "Wir tragen unser Herz umher am falschen Ort", heißt es einmal.

Auf den ersten Seiten dieses Romans ist ein Bild zu sehen, in dem ein Mädchen vor einem Garten steht, mit blinden Augen blickt es nach vorne, wie ahnungslos, dass um es herum wie in einem gewaltigen Sog alles nach außen fortfliegt. Auf den letzten Seiten des Romans kommen Möbelwagen und verladen das Hab und Gut der Heldin. Es geht davon, wohin auch immer.