Was es am Ende eines Schuljahres gibt, gibt es auch am Ende eines Arbeitsverhältnisses: das Zeugnis. Die Firma urteilt darin über einen Mitarbeiter, um anderen Arbeitgebern eine Orientierung zu bieten. Warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, den Spieß umzudrehen? Warum gibt es kein Arbeitgeber-Zeugnis, das Mitarbeiter ihren Firmen schreiben dürfen?

Ein solches Zeugnis wäre für Manager spannend, denn dort könnten sie aus berufenem Munde erfahren, was in ihrem Unternehmen gelingt und woran es hapert – statt den Rat von George Bernard Shaw zu missachten und sich mit einer einzigen Meinung, nämlich ihrer eigenen, zufriedenzugeben.

Doch vor allem wären solche Zeugnisse ein Wegweiser für Bewerber. Denn ein langjähriger Mitarbeiter weiß genau, welches Klima in einer Firma herrscht, wie kompetent die Führungskräfte sind und ob seine Aufgabe eine Herausforderung war oder nur ein Narkotikum. Empfehlen könnte er menschliche Arbeitgeber, warnen vor Irrenhäusern, die wie Apparate zur Gewinnmaximierung agieren, den einzelnen Mitarbeiter schnell als Sandkorn im Getriebe wahrnehmen und ihn bis zum Burn-out zerreiben.

Wären diese Zeugnisse öffentlich zugänglich und könnte man Hunderte von ihnen lesen, entstünde ein anschauliches Bild von den Zuständen und Missständen in einer Firma, von der Diskrepanz zwischen dem beschriebenen Ideal auf der Firmen-Homepage und der Wirklichkeit im Alltag. Jede Firma hätte die Chance, dieses Bild zu korrigieren – je nachdem, wie sie ihre Mitarbeiter künftig behandelt.

Nun höre ich schon den Aufschrei: "Unrealistisch! Da werden doch Imageschäden angerichtet!" Ich frage zurück: Ist das bei Zeugnissen, die Firmen ihren Mitarbeitern ausstellen, wirklich anders? Werden dort nicht auch vernichtende Urteile in heuchlerische Formulierungen gepackt? Und warum sollte ein Mitarbeiter, der sich in einem Zeugnis beurteilen lassen muss, nicht dasselbe Recht gegenüber der Firma für sich in Anspruch nehmen können?

Erstklassige Arbeitgeber bekämen die Chance, mit ihren Zeugnissen zu werben und qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Firmen mit schlechten Zeugnissen dagegen könnten wie schlechte Schüler sitzenbleiben – nicht auf der Schulbank, sondern auf den Scherben ihres schlechten Rufes. Denn qualifizierte Mitarbeiter bevorzugen qualifizierte Arbeitgeber.