Monatelang hatten Demokratiebefürworter in Hongkong dafür gekämpft, dass die erste Direktwahl zum Hongkonger Regierungschef 2017 unter Bedingungen stattfindet, die den Namen "Wahl" verdienen. Jetzt wurden ihre Hoffnungen herbe enttäuscht. Am Sonntag gab der Nationale Volkskongress in Peking, Chinas Parlament, die Regeln für die politische Mitbestimmung in der ehemaligen britischen Kronkolonie bekannt. Seit 1997 gehört Hongkong wieder zu China – was das für seine Bewohner bedeutet, wird jetzt immer deutlicher.

Demnach wird es höchstens zwei oder drei Kandidaten für das Amt des Regierungschefs geben. Diese müssen von einem aus 1.200 Personen bestehenden Wahlkomitee abgesegnet werden, in dem pekingfreundliche Kräfte überrepräsentiert sind. Li Fei, der stellvertretende Vorsitzende des Volkskongressausschusses in Peking, erklärte, Kandidaten müssten "das Vaterland und Hongkong lieben". Jene, die verlangten, die Wahl solle "internationalen Standards" genügen, seien lediglich darauf aus, Hongkongs Gesellschaft "zu verwirren".

Das macht eine Aufstellung von Kandidaten aus dem Pro-Demokratie Lager so gut wie unmöglich.

Die Demokratiebewegung umfasst Schüler, Banker und religiöse Führer. Im Juni stimmten mehr als 800.000 Hongkonger bei einem inoffiziellen Referendum über alternative Richtlinien für die Wahl ab, im Juli gingen mehr als eine halbe Million Menschen auf die Straße. Nun kündigten die Organisatoren der Bürgerbewegung Occupy Central weitere Aktionen an. Seit einem Jahr drohen sie, Central, das wichtigste Finanzzentrum Asiens, zu besetzen. Ihnen steht eine pekingfreundliche Business-Community gegenüber, die fürchtet, die Proteste könnten ihr die Geschäfte verderben. Die Stadt ist tief gespalten.

Die Regierung in Peking gibt sich kompromisslos. "Wenn wir zurückweichen, nur weil einige Menschen mit radikalen, illegalen Aktivitäten drohen, würde das nur zu mehr und größeren illegalen Aktivitäten führen", sagt Sprecher Li Fei. Eine Konfrontation könne in einem "Blutbad" enden. Das Parteiorgan Die Volkszeitung zitierte ein Mitglied des Außenministeriums, das "vor ausländischen Kräften" warnt, "die versuchen, Hongkong in einen Brückenkopf für die Subversion und Infiltrierung des Festlandes zu verwandeln".

Als China Hongkong wieder übernahm, gelobte es, diesem unter dem Stichwort "Ein Land, zwei Systeme" größere politische Freiheiten zu gewähren. Mit dem gleichen Konzept wird auch Macao regiert, die benachbarte portugiesische Enklave, die 1999 an Peking zurückging. Und damit sollte auch Taiwan gewonnen werden, ein de facto unabhängiges Land, auf das Peking aber Anspruch erhebt. Doch die Taiwaner sind nun noch weniger willens als je zuvor, sich mit dem Festland zu vereinen.

Im März besetzten taiwanesische Studenten das Parlament, um gegen ein geplantes Handelsabkommen mit dem Festland zu protestieren. Auch die Bewohner Macaos wünschen sich freie Wahlen. In den tibetischen Gebieten zündeten sich in fünf Jahren 131 Menschen an. In der autonomen Region Xinjiang kommt es zu immer mehr gewaltsamen Anschlägen. Es sind vor allem die Jungen, die protestieren. Und mit jeder weiteren Unterdrückungsgeste wächst die Angst, die Wut, der Zorn. Peking züchtet sich gerade den Widerstand von morgen heran.