Und wie kann es sein, dass im Fernsehen zu sehen ist, wie in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen weiterhin ganze Dörfer dem Braunkohleabbau zum Opfer fallen, obwohl es höchste Zeit wäre, nach der Atomenergie auch aus dem Kohlestrom auszusteigen?

Über viele Hundert Kilometer sollen sich die neuen Höchstspannungsleitungen von Nord nach Süd durch Deutschland ziehen. Folgt man ihrem geplanten Verlauf, stellt man fest, dass diese Leitungen nicht nur Strom transportieren würden, sondern auch Widersprüche, Unstimmigkeiten. Auf dieser Reise durch die deutsche Provinz stößt man auf Bürgerprotest und Schönrednerei – und auf so manche unangenehme Wahrheit über die Energiewende.

Westküstentrasse, Kilometer 1: Der Windmüller

Plattes Land, viel Gras, so sah die Gegend an der deutschen Nordseeküste früher aus. Plattes Land, viel Gras, alles voller Windräder – so sieht sie heute aus. Ein vergitterter Lift fährt 90 Meter in die Höhe, auf die Plattform einer Windanlage, von oben reicht der Blick bis nach Sylt und Amrum, man sieht Kühe und den Kirchturm der Gemeinde Galmsbüll. Irgendwo da unten muss auch der Hof von Jess Jessen sein. Der ist der Windmüller.

Jessen, 48, mittelgroß, drahtig, begeisterter Kitesurfer, ist Bauer in achter Generation. Zumindest offiziell. In Wahrheit hat er zwar noch ein paar Felder, aber den Großteil seines Geldes verdient er längst nicht mehr mit Getreide. Er erntet jetzt Wind und Sonnenstrahlen.

Jessen ist der Geschäftsführer des Windparks von Galmsbüll. 22 Windräder stehen dort bereits, sechs weitere sollen bald dazukommen. Jessen betreibt auch acht Photovoltaikanlagen. Er ist Energieunternehmer mit zwölf Angestellten.

Wenn die Megatrassen erst einmal gebaut sind, wird es auch Jessens Strom sein, der durch die neuen Leitungen nach Süddeutschland fließt.

Als Jessen noch ausschließlich Ackerbau betrieb, hatte er oft damit zu kämpfen, dass der Weizenpreis stieg und sank und häufig zu niedrig war, je nachdem, wie die Ernten ausfielen. Wie die meisten Landwirte bezog Jessen staatliche Subventionen, finanziert aus Steuergeldern. Ohne sie hätte er vom Verkauf seines Getreides kaum leben können.

Auch vom Verkauf seines Stroms könnte Jessen nicht leben. Zu billig ist die Energie aus konventionellen Quellen wie Kohle und Gas, zu teuer ist es nach wie vor, Strom aus Wind und Sonne zu gewinnen. Ohne Hilfe wären Windmüller wie Jess Jessen auf dem Energiemarkt nicht konkurrenzfähig.

Ein Staat, der grünen Strom fördern will, muss also dafür sorgen, dass seine Erzeugung profitabel wird. Deshalb brachte vor 14 Jahren die damals noch von Rot-Grün geführte Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) auf den Weg.

Theoretisch hatte die Regierung damals zwei Möglichkeiten. Erstens: Sie konnte den konventionellen Strom aus Kohle und Gas teurer machen, etwa indem sie die Energiekonzerne mit einer Sonderabgabe belegte. Das wäre konsequent gewesen, schließlich erzeugt das Verbrennen von Kohle und Gas nicht nur Strom, sondern zum Beispiel auch das Treibhausgas Kohlendioxid, es richtet also Schäden an, für die später die Bürger bezahlen müssen, nicht die Stromkonzerne.

Die rot-grüne Koalition aber verzichtete darauf, sich mit den Energiekonzernen anzulegen, und entschied sich für die zweite Möglichkeit: Sie garantierte den Erzeugern grünen Stroms einen kräftigen Zuschuss zum niedrigen Marktpreis, damit sich der Bau von Wind- und Solaranlagen auch rentiert. Die späteren von Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot geführten Regierungen senkten zwar diese sogenannten Einspeisevergütungen, änderten aber nichts am Prinzip.

Die Folge ist, dass die Erzeuger von Wind- und Solarstrom, ökonomisch gesehen, heute eine ähnliche Rolle spielen wie die Landwirte. Für ihr Einkommen sorgt nicht nur der Markt, sondern vor allem der Staat. Nur dass der Stromzuschuss anders als die Landwirtschaftssubventionen nicht aus Steuern finanziert, sondern von den Stromverbrauchern bezahlt wird. Für jede Kilowattstunde Strom, egal, aus welcher Energiequelle, werden derzeit 6,24 Cent fällig. Das ist die sogenannte EEG-Umlage. Allein im vergangenen Jahr kamen dadurch knapp 20 Milliarden Euro zusammen.

Vor Jess Jessens Haus in Galmsbüll steht eine Stromsäule, betrieben mit Solarstrom. Dort betankt er sein Elektroauto, einen schwarzen Sportwagen des amerikanischen Herstellers Tesla, Beschleunigung von null auf hundert in 3,7 Sekunden, gebraucht gekauft für 50.000 Euro. Ein Familienauto hat Jessen auch noch. Man kann sagen, die Energiewende hat ihm nicht geschadet.

Es scheint Jessen ein bisschen unangenehm zu sein, dass es ihm heute gut geht dank der EEG-Umlage. Das sei doch gar keine Subvention, sagt er, aber wenn man mit ihm spricht, rutscht ihm das Wort manchmal selbst heraus.

Die EEG-Umlage ist ein Grund, weshalb die Stromrechnungen in Deutschland heute so viel höher sind als noch vor einigen Jahren.

Eine andere Ursache findet man einige Hundert Kilometer weiter südlich von Jessens Windrädern. Auf dem Weg dahin ändert die geplante Höchstspannungsleitung ihren Namen, ab Wilster heißt sie Südlink, sie läuft östlich an Karsten Hinrichsens Wohnort vorbei, überquert die Elbe und durchschneidet die Lüneburger Heide in Richtung Hannover. Folgt man diesem Weg, so sieht man früher oder später große grün-weiße Lastwagen über die Straßen rollen, mit rotem Aufdruck: Wiesenhof.

Südlink, Kilometer 200: Der Hühnerschlachter

Ein Lkw fährt über die Landstraße, biegt ab, steuert ein paar grün-weiße Fabrikhallen an, die hinter Metallzäunen stehen. Die Ladefläche ist seitlich offen, man liest die Aufschrift "Achtung, lebende Tiere", und für einen Moment erkennt man die Köpfe von Hühnern, Hunderte, Tausende Hühner. Sie hocken geduckt in Kisten.

Eine Viertelstunde später verlässt der Lastwagen das Wiesenhof-Gelände wieder. Er ist jetzt leer.