Die Firma Wiesenhof betreibt in Niedersachsen mehrere Geflügelschlachthöfe, einen davon am Rand der Gemeinde Wietzen, knapp 50 Kilometer westlich der geplanten Trasse. 130.000 Hühner werden hier geschlachtet, jeden Tag.

Was in den Hallen passiert, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Der Wiesenhof-Pressesprecher sagt, es gebe im Schlachthof von Wietzen keine Führungen für Journalisten, weil die Anlage schon so alt sei. Er ist jedoch bereit, zu beschreiben, wie die Schlachtungen ablaufen.

Demnach befördern Maschinen die Hühner über ein Transportband in einen Tunnel, wo sie mit Kohlendioxid betäubt werden. Maschinen vollziehen den Schnitt an der Halsschlagader. Maschinen köpfen die toten Tiere und brühen ihnen das Gefieder weg. Auch die Zerlegung des Geflügels übernehmen größtenteils Maschinen. All diese Maschinen brauchen Strom. Viel Strom. Bei 6,24 Cent EEG-Umlage pro Kilowattstunde wird das ziemlich teuer.

Wird es nicht. Damit die deutschen Unternehmen keine Nachteile im internationalen Wettbewerb gegenüber ihren französischen, amerikanischen und japanischen Konkurrenten haben, die keine Energiewende finanzieren müssen, hat die Bundesregierung energieintensive Branchen von der EEG-Umlage weitgehend befreit. Mehr als 2.000 Unternehmen profitieren von dieser Regel. Chemiekonzerne, Sägewerke und Keramikhersteller gehören dazu. Auch Wiesenhof hat es geschafft, auf die Liste zu kommen.

Wie viel Geld Wiesenhof dadurch jedes Jahr einspart, gibt das Unternehmen nicht preis, aus politischen Gründen, wie es heißt. Es gibt nur Zahlen der Bundesregierung, die alle deutschen Schlachtbetriebe betreffen. Demnach sparten diese Unternehmen allein im Jahr 2013 insgesamt 27 Millionen Euro ein, weil sie bloß einen Bruchteil der EEG-Umlage zahlen mussten. Man darf annehmen, dass Wiesenhof als einer der größten deutschen Schlachtbetriebe ein Hauptprofiteur dieser Regelung ist.

Um das nötige Geld für die Förderung von Wind- und Sonnenstrom zusammenzubringen, müssen die normalen Stromkunden dafür umso mehr zahlen. Das ist noch ein Grund dafür, weshalb die Stromrechnung von Verbrauchern wie Karsten Hinrichsen so hoch ist.

Es gibt einen Mann, der den Unternehmen das Privileg der Billigenergie nehmen will. Interessanterweise ist er selbst Unternehmer: Bernd Drechsel, Inhaber eines Textilveredelungsbetriebs in Selb in Oberfranken, 145 Angestellte. Drechsel färbt, bleicht und beschichtet alle Arten von Textilien. Auch in seiner Fabrik erledigen Maschinen den Großteil der Arbeit. Doch anders als Wiesenhof war Drechsel nie von der EEG-Umlage befreit. Der Grund: Drechsel hat schon vor Jahren in energiesparende Apparaturen investiert. Die teuren, modernen Färbemaschinen, Trocknungsanlagen und Vakuumverdampfer verbrauchen so wenig Strom, dass Drechsels Betrieb nicht als energieintensives Unternehmen gilt. Drechsel wird gewissermaßen fürs Energiesparen bestraft.

"Ich kenne etliche Unternehmen, die ihre Maschinen für Hunderttausende Euro einfach leer durchlaufen lassen, bloß damit ihre Stromkosten steigen und sie so von der EEG-Umlage befreit bleiben", sagt Drechsel. "Für mich ist eine Energiewende, die Verschwendung belohnt, nicht nachhaltig."

Drechsel hat schon vor Jahren bei Gericht auf Rückzahlung der EEG-Umlage geklagt (siehe ZEIT Nr. 35/12). Die Klage wurde abgewiesen, aber Drechsel macht weiter. Anfang August reichte er, unterstützt vom Gesamtverband Textil und Mode, Klage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Drechsel hält die EEG-Umlage für verfassungswidrig, ähnlich wie den Kohlepfennig, mit dem Stromkunden von Mitte der siebziger Jahre an den deutschen Steinkohleabbau finanzierten. 1994 urteilten die Richter in Karlsruhe, dass der Kohlepfennig zu Unrecht die einfachen Stromnutzer belaste. Genauso ungerecht findet Bernd Drechsel eine Energiewende, deren Hauptlast die normalen Stromkunden bezahlen.

Die neuen Höchstspannungsleitungen sollen nach derzeitiger Schätzung übrigens 20 Milliarden Euro kosten – das ist mehr, als der Bund jährlich an Arbeitslosengeld II ausgibt. Auch diesen Betrag müssen die Stromverbraucher aufbringen.

Südlink, Kilometer 300: Die Widerständlerin

An einem sonnigen Nachmittag sitzt Jutta Fritzsche auf der Terrasse ihres Hauses. Seit zwölf Jahren wohnt sie hier. Wenn sie über Bäume hinweg ins Weserbergland blickt, sieht sie auch einen Strommast, aber der ist viel kleiner als die neuen Masten des Südlinks, der direkt daneben verlaufen soll.

Jutta Fritzsche lebt in Marienmünster in Ostwestfalen. Kommt alles wie geplant, wird sie bald neben der Höchstspannungsleitung wohnen. Fritzsche, 61, war früher Zahntechnikerin, aber seit einem halben Jahr hat sie eine neue Beschäftigung: Widerstandskämpferin gegen die Stromautobahn. Sie hat den Vorsitz einer Bürgerinitiative übernommen, "Marienmünster unter Strom".

Jutta Fritzsche will verhindern, dass die Trasse gebaut wird. Neben ihrer Haustür lehnen aus Sperrholz gebastelte Protestschilder, mit denen sie demonstrieren geht. "Lebensgefahr!" steht darauf, "Monstertrasse!".

Es ist ein bisschen wie vor 30 Jahren, als Karsten Hinrichsen ein paar Hundert Kilometer weiter nördlich gegen die Atomkraft in den Kampf zog. Auch damals ging es um eine Technologie, die die einen für lebensnotwendig, die anderen für lebensgefährlich hielten. Es ging um unsichtbare Strahlen und Kinder, die an Leukämie starben.

Heute sagt Jutta Fritzsche, die Wirkung des Gleichstroms, der bald durch die Leitungen gejagt werden soll, mit einer Spannung von 500.000 Volt, sei überhaupt noch nicht geklärt. Herkömmliche Stromleitungen transportierten ja Wechselstrom, der sei viel besser erforscht.

Fritzsche hat einen Packen Papiere vor sich, den ihre Initiative zusammengetragen hat. Die Mitglieder haben Berichte gefunden über Raumladungswolken, die sich von Gleichstromleitungen bis zu einem Kilometer weit ausbreiten können und die im Verdacht stehen, die Zahl der Leukämiefälle bei Kindern zu erhöhen. Beweise für die Gefährlichkeit des Gleichstroms gibt es nicht. Aber eben auch keinen Beweis für das Gegenteil.