Es ist der wunde Punkt der Energiewende. In Umfragen sprechen sich bis zu 70 Prozent der Deutschen für die Umstellung auf regenerative Energien aus. Aber dieser große gesellschaftliche Rückhalt beruht auf einem Deal: Die Bürger ertragen Zumutungen wie höhere Strompreise und teure Trassen, dafür bekommen sie grünen Strom. Guten Strom.

In Wahrheit aber wird durch die neuen Höchstspannungsleitungen auf Jahre hinaus auch anderer Strom fließen.

Süd-Ost-Trasse: Ein Tagebau und ein Kohlegegner

Selbst die Toten müssen umziehen. Auf dem Friedhof von Proschim ruhen die Gebeine von mehr als 100 Menschen unter frischen Blumen oder altem Moos. Manche der Gräber wurden vor Jahrzehnten angelegt, andere sind erst einige Wochen alt. Keiner der Toten wird bleiben, wo er ist.

Auch die alte Schule wird fallen, die Backsteinkirche, die kleinen Häuser sowieso. Proschim ist ein Dorf in Brandenburg, an der Grenze zu Sachsen, 343 Einwohner. Proschim lebt und ist doch schon fast Vergangenheit.

Irgendwann werden die Bagger kommen, das ist entschieden. Mit riesigen Schaufelrädern werden sie sich durch die Landschaft fressen. Sie werden die Braunkohle holen, die unter den Straßen, Gärten und Häusern von Proschim liegt.

Erst ein paar Jahre ist es her, da standen Kanzlerin Angela Merkel und Sigmar Gabriel, damals noch Umweltminister, in roten Anoraks vor Eisbergen in Grönland. Das Bild sollte ein Zeichen setzen gegen den weltweiten Klimawandel – und für die deutsche Umweltpolitik. Immer mehr saubere Energie, immer weniger schmutzige Energie: So einfach war die Theorie der bundesrepublikanischen Energiewende.

Immer mehr saubere Energie, aber auch immer mehr schmutzige Energie: Das ist die komplizierte Praxis. Zwar ist in Deutschland die Zahl der Windräder, Solarenergie- und Biogasanlagen massiv gestiegen. Zwar wächst die Menge an grünem Strom, aber es wird in Deutschland auch immer mehr Braunkohle verbrannt. Im vergangenen Jahr erzeugten Braunkohlekraftwerke 162 Milliarden Kilowattstunden Strom – so viel wie nie zuvor seit der Wiedervereinigung.

Der Grund liegt darin, dass sich Braunkohle nach wie vor sehr günstig gewinnen lässt, viel günstiger als Gas, das beim Verbrennen nicht einmal halb so viel Kohlendioxid freisetzt.

Um diesen Nachteil auszugleichen, hat die Europäische Union schon vor Jahren den sogenannten Emissionshandel eingeführt: Die Betreiber von Braunkohlekraftwerken sollten künftig Zertifikate erwerben müssen, als Berechtigungsscheine, um Kohlendioxid freisetzen zu dürfen. Dadurch sollte der Kohlestrom verteuert und aus dem Markt gedrängt werden. Doch der Plan ging nicht auf. Die EU ließ zahlreiche Ausnahmen zu und gab die Zertifikate viel zu billig aus.

Die Folge: Trotz des Ausbaus der erneuerbaren Energien steigen in Deutschland die klimaschädlichen Kohlendioxidemissionen. Viele Gaskraftwerke sind heute unrentabel. Die Braunkohle aber boomt.

Und Proschim verschwindet.

René Schuster, 40, Brille und schütteres Haar, fährt durch die Straßen des Dorfes. Er ist nicht weit von Proschim entfernt aufgewachsen, am Rande von Kratern, die Braunkohlebagger hier seit einem Jahrhundert in die Erde graben. Seine Kindheit, erzählt Schuster, begrenzten Landstriche, die er nicht betreten durfte. Als junger Mann studierte er Landschaftsnutzung und Naturschutz an der Fachhochschule in Eberswalde. Seit 1994 setzt sich Schuster mit seinem Verband Grüne Liga für ein Ende des Tagebaus ein. Mit wenig Erfolg. Im Jahr 2005 musste Schuster aus Lakoma wegziehen, weil auch dieses Dorf abgerissen wurde.

Der lange, vergebliche Kampf hat Schusters Wünsche zu Minimalforderungen schrumpfen lassen. "Wir wollen ja keinen sofortigen Stopp", sagt er. Es wäre schon ein Anfang, auf einen weiteren Ausbau der Braunkohleförderung zu verzichten.

Im Juni dieses Jahres aber beschloss die brandenburgische Landesregierung, dass im Gebiet Welzow-Süd II, zu dem auch das Dorf Proschim gehört, weitere 20 Quadratkilometer den Baggern überantwortet werden. Während anderswo in Deutschland von neuen Formen der Energiegewinnung geredet wird, werden in der Lausitz bald wieder mehrere Hundert Menschen ihre Heimatorte verlassen, weil eine der ältesten Formen der Energiegewinnung es so verlangt.

In der Lausitz obliegt die Braunkohleförderung dem Energiekonzern Vattenfall. Ähnlich wie die Firma Wiesenhof ist auch er von der EEG-Umlage befreit. Nach Berechnungen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) spart Vattenfall dadurch beim Tagebau in der Lausitz allein in diesem Jahr bis zu 80 Millionen Euro ein.

Eine der geplanten Megatrassen, die Süd-Ost-Passage, sollte von Sachsen-Anhalt nach Bayern führen. Auch diese Trasse präsentierten die Verantwortlichen zunächst als Autobahn für grünen Strom, obwohl in Sachsen-Anhalt die großen Windparks fern, René Schusters brandenburgische Heimat und ihre Braunkohlekraftwerke aber recht nah sind. Am Ende war der Bürgerprotest so groß, dass der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer vor wenigen Wochen den Plan änderte. Die Süd-Ost-Trasse soll nun verlängert werden, bis hinauf zu den Windrädern Mecklenburg-Vorpommerns. Die Trasse soll wieder grüner wirken. Der braune Strom aus der Lausitz aber wird wohl trotzdem nach Bayern fließen.

Am Rand von Proschim, neben einem Bauernhof, steht ein flacher, siloartiger Bau mit einem Kuppeldach. Es ist eine Biogasanlage. Die Kuhställe daneben sind mit Photovoltaikplatten bedeckt. "Energiewende" steht in großen Buchstaben auf einem Banner an der Hauswand. Bald wird auch sie abgerissen, für den Braunkohletagebau.

Ein Dorf ohne Trasse. Der Bürgermeister

Der Strom kommt aus der Steckdose. So war es vor der Energiewende, so wird es bleiben. Der Unterschied ist: Vor der Energiewende waren die Steckdosen nicht weit von den Kraftwerken entfernt. Von Atomkraftwerken, Gaskraftwerken, Kohlekraftwerken. Der Strom musste nicht weit fließen.