Der Wind aber weht nur im Norden. Deshalb, so scheint es, braucht das Land die Trassen. Und weil auch Tausende Windräder an den Küsten nicht die gesamte Republik mit Strom versorgen können, braucht es scheinbar auch weiterhin Gas- und Kohlekraftwerke.

Aber vielleicht ist das der Denkfehler. Vielleicht kann Deutschland etwas von einer kleinen Gemeinde in Niederbayern lernen, in der wenig Wind weht.

Schon in den neunziger Jahren fing ein grüner Bürgermeister in Furth bei Landshut an, die Energieversorgung seines Dorfes umzubauen. Weil sich in der Gegend selten die Luft regt, sollte die Sonne den Ort versorgen, damals eine verrückte Idee. Es folgten: Widerstand, Aufklärungsabende im Wirtshaus, etwas weniger Widerstand, noch mehr Aufklärungsabende.

1999 gab der Bürgermeister das Ziel vor, als erste Gemeinde Deutschlands bald nur noch erneuerbare Energiequellen zu nutzen. Irgendwann zogen die Leute mit. Wenn man heute von einem Hügel runter auf den Ort mit seinen rund 3500 Einwohnern schaut, sieht man ein kleines Meer aus Solardächern, man sieht sie auf Einfamilienhäusern, auf dem Rathaus, der Grundschule, dem Altenheim und dem Supermarkt. Dazu hat die Gemeinde eine Hackschnitzelanlage gebaut, die vor allem Holzabfälle aus der Forstwirtschaft verbrennt und viele Gebäude mit Wärme und auch mit Strom versorgt.

Seinen Energiebedarf deckt Furth schon zu 80 Prozent aus sauberen Quellen. Den Rest will die Gemeinde aus einer Ressource beziehen, von der in Deutschland seltsamerweise wenig geredet wird, obwohl in ihr ähnlich viel Kraft steckt wie in Sonne und Wind: dem Energiesparen.

Alle öffentlichen Gebäude in Furth sind auf dem neuesten Stand der Energieeffizienz, mit Dreifachverglasung und Baumaterial, das die Häuser im Winter warm und im Sommer kühl hält. Zur nötigen Erweiterung der Kläranlage hat die Gemeinde anstelle stromfressender Maschinen ein Pflanzenklärbeet gebaut, das keinen Strom braucht. Als Nächstes ist die kommunale Straßenbeleuchtung dran: Neue LED-Leuchten sollen den Energieverbrauch auf ein Siebtel des bisherigen Niveaus senken.

Andreas Horsche, 36, ist seit diesem Jahr Bürgermeister in Furth. Er ist kein Grüner, aber auch kein Konservativer. Horsche ist Mitglied der Freien Wähler, man kann ihm eine gewisse Ideologieferne unterstellen. Er sagt: "Wir in Furth denken anders. Wir würden alles dagegen tun, dass überhaupt mit Braunkohle Strom produziert wird."

Natürlich weiß Horsche, dass sein Dorf keine Insel ist. Furth hängt nach wie vor am großen Netz, durch das Braunkohlestrom fließt, im Austausch gegen den eingespeisten grünen Strom auch in diese Gemeinde. Was man von Horsche lernen kann, ist ein neues Denken, ein anderer Umgang mit der Energie.

Dieses Denken hat Furth viel Anerkennung gebracht. In einem verglasten Regal in Horsches Büro stapeln sich die Auszeichnungen. Erst kürzlich bekam das Dorf wieder einen Preis für Energienachhaltigkeit, in der europäischen RES Champions League, als beste Gemeinde in Deutschland. Und während aus anderen Orten in Niederbayern Menschen wegziehen, nimmt die Einwohnerzahl in Furth stetig zu.

Das liegt auch daran, dass in dieser Gemeinde alle von der Energiewende profitieren. Viele Einwohner von Furth stecken die Gewinne aus ihren Solaranlagen in neue Energiesparmaßnahmen, einige sind Teilhaber der Biomasse Gmbh & Co. KG. Es ist ihr eigenes Projekt. "Die Menschen wissen: Es ist meine Hackschnitzelanlage. Es ist meine Photovoltaikanlage. Deshalb identifizieren sie sich damit", sagt Horsche. "Nur so kann die Energiewende gelingen."

Ob Deutschland dabei auf dem richtigen Weg ist? Horsche bezweifelt das. Er ist überzeugt, dass die Politik die Energiewende überstürzt hat. Und er fürchtet, dass das ganze Projekt an den begangenen Fehlern scheitern könnte. "Die Menschen zweifeln am Nutzen der Megatrassen. Sie verstehen nicht, warum immer mehr Braunkohlestrom produziert wird. Und weshalb die Konzerne solche Privilegien genießen", sagt Horsche. All das lasse die Akzeptanz der Energiewende bei den Bürgern schwinden.

In Horsches eigener Gemeinde ist das Projekt so gut wie gelungen. Aber der Bürgermeister hat auch Glück. In Furth gibt es wegen der Megatrassen keinen Ärger. Nach allem, was bekannt ist, werden die neuen Leitungen an dem Dorf weit vorbeiführen.