Bärte können Angst machen. Wobei der Bart selbst meist nichts dafür kann. Er ist ja nur ein Symbol für etwas. So zum Beispiel der Protestbart der revoltierenden Studenten in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, der von den glatt rasierten, kurzhaarigen älteren Herrschaften an den Hebeln der Macht als Bedrohung ihres Lebensstils und ihrer Werte gedeutet wurde. Weswegen sie die Bartträger auch schikanierten, wo sie nur konnten. Oder heute: der dunkle, buschige orientalische Vollbart, der sofort mit islamistischem Terror in Verbindung gebracht wird.

Auch in der Graphic Novel Der gigantische Bart, der böse war des englischen Illustrators Stephen Collins ist ein Bart Zeichen der Gefahr. Obwohl er nichts tut, außer zu wachsen. In Daves Gesicht. Und darüber hinaus. Dave lebt auf einer sauberen, aufgeräumten Insel, die aber niemand eine Insel nennt. Alle nennen sie "Hier". Um "Hier" herum ist das Meer. Und hinter dem Meer lauert "Dort". "Dort war Unordnung, Dort war Chaos, Dort war das Böse", heißt es im Text. Alle haben Angst vor "Dort". Deswegen gibt es in den am Strand liegenden Häusern auch keine Fenster in Richtung Meer. Alle Fenster gehen zur Straße.

Anfangs hat Dave ein fast babyglattes Gesicht. Und er hat Angst vor dem "Dort", Angst, die er abends bekämpft, indem er die Szenerie vor seinem Fenster zeichnet: "Fußgänger, Briefkästen und Katzen aus der Nachbarschaft". Am Tag versucht er, die Angst durch Arbeit zu vertreiben. Jeden Morgen geht er in eine Firma, weiß aber gar nicht so recht, was er dort tut. Oder zumindest nicht, wozu er das tut, was er tut: Aus den "Tagesdaten" bastelt er bunte Grafiken, die er dann bei einem "Meeting" präsentiert. Eines Tages jedoch sehen seine Grafiken anders aus: wirrer, zufälliger. Das beunruhigt Dave. Und dann beginnt das Unheil. Plötzlich spürt er "eine lodernde dunkle Flamme in seinem Gesicht emporzüngeln". Blitzschnell ist sein Kinn von einem dichten, übernatürlich schnell wachsenden Bart bedeckt.

Dave verliert wegen des Bartes seinen Job und wird seines Stammlokals verwiesen. "Hier" darf es keine Unordnung geben. Ein Bart ist unordentlich. Vor allem aber ist er unbesiegbar: Schneidet man ihn ab, wächst er sofort nach.

Der gigantische Bart, der böse war ist nie eindeutig, weder formal noch inhaltlich. Man fühlt sich an Edward Gorey erinnert, an Roald Dahl und an Kafka. Aber auch an Katastrophenfilme von King Kong bis Godzilla. Das geordnete, glatt rasierte "Hier" gerät durch den Bart aus den Fugen. Er droht die Insel zu überwuchern. Er beschädigt Häuser, er versperrt Straßen und zwingt die Menschen zu Umwegen. Männer, Frauen, Tiere und Gärten verlottern, weil alle Friseure, Hundescherer und Gärtner eingezogen werden, um den gigantischen Bart zu bändigen. Gleichzeitig scheint der Bart die Menschen zu verwirren. Manche werden ruhig, sind wie hypnotisiert, wenn sie ihn anschauen, manche bekommen Albträume, anderen zersplittern die Gedanken: "Es war, als ob man eine Geschichte lesen wollte, aber die Seiten aus verschiedenen Büchern stammten, sodass sie nicht zu verstehen waren."

Schließlich kommt die Angst: "Und mit der Angst die Schuldzuweisung." Dave wird für die Menschen zum Teufel, zum Terroristen, und sein Bart ist das Böse, eine Strafe Gottes. Das Volk fordert die Regierung auf, "Hier" endgültig vom gigantischen Bart zu befreien. Was ihr auf dramatische Weise gelingt. Aber das Schöne ist: Nach dem Bart ist nichts mehr so, wie es war. Der Bart hat Spätfolgen. Die Unordnung hat das "Hier" verändert.

Die Geschichte wechselt zwischen Absurdität, Tragik und Komik, mal ist sie Schauergeschichte, mal Satire, mal Science-Fiction und mal eine philosophisch-psychologische Metapher. Denn das "Dort" und der Bart, das Fremde, das Unbekannte, das Wilde, es bedroht die Ordnung und die Sicherheit, aber bringt auch Leben in die Bude.

Auch die grafische Umsetzung ist vielschichtig. Die Handlung erzählt Collins filmisch, Bild für Bild, dann wechselt er die Perspektive, von außen nach innen, findet beklemmende Bilder für nicht mit Worten zu beschreibende Gefühle. Mal sind die Bilder kleinteilig und detailliert, mal sind sie ganzseitig und plakativ. Das Buch ist in Grautönen gehalten, doch die düstere Grundstimmung wird immer wieder durch die Lebendigkeit der Bilder und die kreative Seitenaufteilung gebrochen.

Dem Übersetzer Tim Jung gelingt im Deutschen ein ebenso poetischer wie lakonischer Text. Zwischendurch blitzt ein absurder, beiläufiger Humor auf, so wenn die Angestellten in Daves Firma sich darüber unterhalten, was ihr Unternehmen eigentlich macht. "Versicherungen, glaub ich", auch "Termingeschäfte" und "Security" wird vermutet, dann sagt eine Frau überrascht: "Ich dachte, wir machen Jo-Jos." So ein kleiner Scherz am Rande entsteht durch eine charmante Verrückung. Ebenso im Falle der Zeitungsschlagzeile über die im Bartkampf erfolglosen Ordnungskräfte: "Polizei verfranzt sich".

Der unaufdringliche Witz verleiht der Geschichte bei aller bedrückenden Absurdität auch Leichtigkeit. Auch der Soundtrack der Story trägt dazu bei. Daves Lieblingslied Eternal Flame von den Bangles wird an verschiedenen Stellen zitiert, obwohl sich der Bezug zur Geschichte nicht sofort erschließt. Aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Für sachdienliche Hinweise ist der Rezensent allerdings mehr als dankbar: "Am I only dreaming / or is this burning an eternal flame?" Er ahnt jedoch etwas. Und geht sich jetzt rasieren.

Jeden Monat vergeben DIE ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 4. September, 15.20 Uhr, stellte Radio Bremen das Buch vor. Redaktion: Karsten Binder. Das Gespräch zum Buch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/funkhauseuropa.