ZEIT: Herr Di Cosmo, warum glauben Sie, dass sich die Geschichtswissenschaft erneuern muss?

Nicola Di Cosmo: Bisher haben wir als Historiker mit Quellen gearbeitet, bei denen es sich vornehmlich um schriftliche Dokumente handelt oder um archäologisches Material. Nun ist aber in jüngster Zeit eine ganz neue Art von Quellen aufgetaucht: naturwissenschaftliches Datenmaterial.

ZEIT: Wie ist es dazu gekommen?

Di Cosmo: Bei der Erforschung der globalen Erwärmung haben Umweltwissenschaftler in den letzten 20 bis 25 Jahren auch einen riesigen Datenschatz über vergangene Klimaepochen angehäuft. Etwa mit den Methoden der Dendrochronologie, also anhand der Jahresringe der Bäume. Oder durch Eisbohrkern- und Isotopenuntersuchungen. Dazu kommt die Erforschung genetischer Daten. Bisher spielte das eher in der Archäologie eine Rolle. Aber wir können mit diesen Daten auch viele andere Probleme neu in den Blick bekommen. Die Geschichte der mongolischen Reiche etwa, die ich erforsche. Oder die Völkerwanderung der Indogermanen. Bis zu der Frage, wie sich die Sprachen oder die Technologie in der antiken Welt verbreitet haben.

ZEIT: Warum tun sich Historiker mit diesen Daten schwer?

Di Cosmo: Weil es sich bei diesen Forschungen um eine hoch spezialisierte Literatur handelt. Naturwissenschaftliche Daten sind das Produkt von Laboren, in denen große Wissenschaftlerteams arbeiten. Das ist uns Historikern erst mal fremd.

ZEIT: Wie kommt man an diese Quellen?

Di Cosmo: Der einzelne Historiker müsste an verschiedene Teams von Wissenschaftlern andocken. Er muss verstehen lernen, wie diese Wissenschaftler arbeiten, er muss die Methoden kennen, nach denen sie das Material sammeln, es auswerten und zu einem Ergebnis kommen. Die Historiker sollten mit in die Labore gehen. Das ist umso wichtiger, weil sonst die Klimawissenschaftler selbst ihr Material für historische Rückschlüsse nutzen. Das geht oft schief.

ZEIT: Auf welche Weise?

Di Cosmo: Als Ostasien-Historiker habe ich hier besonders China im Blick. Da versucht man, geschichtliche Klimaveränderungen mit dem Zusammenbruch von Herrschaftsdynastien oder Konflikten und Kriegen in Zusammenhang zu bringen. Aber wie geschieht das? Indem eine simple Serie von Korrelationen zwischen klimatischen Ereignissen und historischen Ereignissen postuliert wird, eine direkte Kausalität.

ZEIT: Es regnet zu wenig, und dann ...

Di Cosmo: ... haben wir in der Mongolei eine Dürre, und aus der Dürre folgt Ressourcenknappheit, und die führt zu mehreren Angriffen auf China, weil sich die Nomaden ihre Ressourcen außerhalb der angestammten Gebiete suchen mussten. Das ist hoch problematisch, weil der politische und ökonomische Kontext komplett ausgeklammert wird.

ZEIT: Aber das ist doch ein historischer Schluss, der die Geschichtswissenschaft stark vorangebracht hat. Nach all den Jahrhunderten, in denen die Historiker nur auf die Politik der großen Männer starrten, endlich eine Geschichtsschreibung, die den Menschen in seiner Umwelt einzubetten sucht ...

Di Cosmo: Dennoch hatte diese Geschichtsschreibung auch schon immer ihre Tücken. Als ihr Programm zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals formuliert wurde, tauchten schnell deterministische Ideen über die Verbindung von Geografie und Geschichte auf. In den zwanziger und dreißiger Jahren wurde das zu Recht heftig kritisiert. Und jetzt haben wir eine neue Art dieses Denkens, einen auf wissenschaftliche Erhebungen gestützten Neo-Determinismus, in dem die Komplexität der Faktoren, die zu einem bestimmten Ereignis führen, auf eine oder zwei Ursachen, das Klima etwa, reduziert wird. Das beste Beispiel dafür sind die äußerst populären Werke des Geografen Jared Diamond. Ich stimme ihm zu, wenn er den Historikern vorwirft, dass sie oft nicht genügend auf Umwelteinflüsse achten. Aber er geht zu weit, wenn er nahezu alles aus diesen Umwelteinflüssen zu erklären sucht. Man muss also gutes historisches Denken mit der umweltlichen Sicht zusammenbringen.