Die Unterschiede zwischen der PKK und den nordirakischen Kurdenparteien verschwimmen. Schon fordert nicht nur die Linkspartei die Aufhebung des PKK-Verbots in Deutschland. Unionspolitiker wie Andreas Schockenhoff wollen sogar die PKK direkt bewaffnen.

Siamend Hajo warnt davor. Der syrische Kurde schreibt für die Webseite KurdWatch und betreibt in einer Dachwohnung im tiefsten Neukölln ein kleines Institut zur "Pflege der Kurdologie". Hajo hatte vor einem Jahr von dem syrischen Ableger der PKK Todesdrohungen bekommen, weil er über Entführungen, Schutzgelderpressungen, Folter und Morde im kurdisch besetzten Teil Syriens berichtet hatte. Das Berliner Landeskriminalamt hatte ihn gewarnt, er solle besser vorsichtig sein, sein Name stehe auf einer schwarzen Liste.

Er ist sehr für Waffenlieferungen an die kurdischen Streitkräfte der Peschmerga – und absolut gegen Waffen für die PKK. "Man muss sich einfach klarmachen, mit wem man es bei der PKK zu tun hat", meint Hajo, "einer stalinistischen, streng hierarchischen Partei, in der alles auf das Kommando des in der Türkei inhaftierten Führers Abdullah Öcalan hört. Widerspruch wird nicht geduldet und Abweichung drakonisch bestraft."

Hajo kennt ausgestiegene PKK-Kämpfer, die ihm vom Alltag in den Bergen erzählt haben, von täglichen Pflichtberichten über Kameraden, von Regeln, die sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Frauen verboten. Ein Paar kam deshalb ins Gefängnis. Nach einem halben Jahr, so hatte ihm der PKK-Aussteiger erzählt, sei der Mann freigekommen, die Frau aber sei hinter einen Felsen geführt und erschossen worden.

Die Frauenrechtlerin Seyran Ateş hat ihre Anwaltspraxis für Familienrecht mitten im Wedding, nicht weit von dem Ort, an dem sie vor fast dreißig Jahren vom wütenden Ehemann einer Mandantin angeschossen wurde. Ateş hat einen kurdischen Vater und eine türkische Mutter. Sie sagt, Ehrenmorde seien unter kurdischen Familien vom Land besonders häufig. Speziell jesidische Kurden seien "extrem abgeschottet und erzkonservativ". Sie dürfen ausschließlich innerhalb der Religionsgemeinschaft heiraten und auch nur innerhalb einer Kaste. Eine jesidische Mandantin von ihr war vor ihrer Familie geflüchtet und von ihren Brüdern durch ganz Deutschland gehetzt worden. "Trotzdem finde ich es natürlich unerträglich, was derzeit mit den Jesiden im Irak geschieht", sagt sie.

Ateş sieht eine Verbindung zwischen den PKK-Milieus und der frauenfeindlichen Kultur – die strenge Gefolgschaft zum Führer lässt eben keinen Raum für individuelle Befreiung. Kurdische Frauenaktivistinnen erzählen ihr, "wenn die PKK jemals an die Macht kommt, sind wir die ersten, die sie hängen werden". Selbstverwirklichung ist reaktionär, dekadent.

Nirgendwo in Deutschland genießt die PKK so viele Sympathien wie bei der Linken. Viele romantisieren die PKK und ihren bewaffneten Kampf in den Bergen. Etliche Parteimitglieder aus dem nordrhein-westfälischen Landesverband engagieren sich bei dem europäischen Tarnverein der PKK, Yek-Kom. Im Büro der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke arbeitet der Sprecher des Kurdistan-Solidaritätskomitees Berlin – einer Organisation, die sich seit Jahren für die Freilassung Abdullah Öcalans starkmacht. Der Abrüstungsexperte Jan von Aken, in dessen Hamburger Wahlkreis ebenfalls viele PKK-Leute leben, trat seinem Fraktionschef Gregor Gysi öffentlich entgegen, als der Waffen für die Peschmerga forderte. Gysi änderte seine Meinung – und wurde dafür im Bundestag ausgelacht.

Fragt man unter Kurden in Berlin nach, was sie als Volk zusammenhält, nennen fast alle neben der Sprache das Newroz-Fest am 21. März. Es ist eine Art Nationalfeiertag. Man erinnert sich an die Verfolgung, tanzt eine Art Schuhplattler, entzündet am Vorabend ein Feuer und isst Weizenkeimlinge, grüne Kräuter und Äpfel.

Der Ursprungsmythos der Kurden von Newroz erzählt von einem Herrscher, Dehok, dem zwei Schlangen aus der Schulter wuchsen. Verzweifelt bat er die Ärzte, ihm zu helfen. Einer riet ihm, jeden Tag die Gehirne zweier kurdischer Kinder auf seine Schulter zu legen. Ein kurdischer Schmied sah es, lenkte den Henker ab, gab den Schlangen die Hirne von Schafen und brachte die Kinder in die Berge. Eines Tages aber würden diese Kinder als Kämpfer vom Berg herunterkommen, den Despoten besiegen und einen Neuanfang machen.

Ausgerechnet der Terror des IS hat den Kurden die historische Chance dazu geschaffen.