Am Tag unserer Ankunft fliehen die Menschen aus Mariupol. Sie kommen uns auf der Straße nach Westen entgegen, ihre Autos sind vollgestopft mit dem Hab und Gut der Flüchtenden. "Die Ukraine wird zerfallen", sagt ein Major der Bahnhofswache von Mariupol. "Die Russen werden kommen." Er sieht es mit Genugtuung. "Sollen sie doch", sagt er und blickt hinüber zu den Familien, die sich auf dem Bahnsteig drängeln, um einen Platz im einzigen Zug nach Kiew zu bekommen.

Es gibt mittlerweile keinen Zweifel mehr daran, dass russische Soldaten in der Ukraine kämpfen. Russische Fallschirmjäger sind wiederholt im Osten der Ukraine festgenommen worden. Der unabhängige russische Fernsehsender Doschd aktualisiert laufend Listen mit den Namen russischer Soldaten, die in der Ukraine im Einsatz sind; russische Mütter fangen an, Fragen zu stellen, wo ihre Söhne bleiben. Die Nato geht von bis zu 1.000 russischen Soldaten in der Ukraine aus, die Ukrainer sprechen von mehreren Tausend – und das russische Komitee der Soldatenmütter glaubt, dass bis zu 10.000 ihrer Soldaten an dem Krieg beteiligt seien.

In Kiew sind die Politiker entsetzt, wütend – und hilflos. Wochenlang hatte die ukrainische Armee unter erheblichen Opfern die Orte rund um die Rebellenhochburgen Donezk und Luhansk zurückerobert. Vergangene Woche jedoch kam die Wende. Russische Truppen und prorussische Separatisten eröffneten eine neue Front im Südosten. Ein hochrangiger ukrainischer Diplomat sagt, ihm sei jetzt klar geworden, dass die Ukraine den Krieg nicht gewinnen könne. "Je mehr Erfolg wir haben, desto aggressiver geht die russische Seite vor."

Nun stehen die Russen vor Mariupol, der Küstenstadt am Asowschen Meer, 30 Kilometer vor der Stadtgrenze. Sie rücken nicht vor. Sie schießen kaum. Aber sie sind da. Die Straßen und Plätze der Stadt, reich an Restaurants und Nachtclubs, sind am Abend unserer Ankunft menschenleer. Die Ladenbesitzer räumen ihre Regale leer, um die Ware vor drohenden Plünderungen zu retten. Doch nach ein paar Tagen belebt sich die Stadt wieder. Es sind die letzten Stunden der Sommerferien. Viele Menschen liegen am Strand, Kindergeschrei ist über den Wellen des Meeres zu hören, der Autoverkehr wird dichter, die Restaurants füllen sich wieder. Der Krieg ist rasch zur Gewohnheit geworden.

Nicht nur für die Bewohner von Mariupol – auch für die Europäer. In Kiew hatte man gehofft, dass der Westen seine Haltung grundlegend ändern würde, nachdem bekannt geworden war, dass reguläre russische Truppen in der Ukraine kämpfen. Umso fassungsloser ist man nun: Es geschieht nichts. Die USA und die EU schließen Waffenlieferungen an die Ukrainer aus. Anton Geraschenko, Berater des Innenministers, schäumt vor Wut: "Deutschland und Europa machen sich der Beihilfe zum Mord schuldig. Es ist zynisch, Waffen in den Irak zu schicken und sie uns zu verweigern." Jetzt bleibt der Kiewer Regierung nur die Hoffnung auf harte Sanktionen gegen Russland. Sie sollen, so ist es geplant, vor allem die Banken treffen.

Die Russen wissen, sie haben nichts zu befürchten. Also machen sie weiter

Russland reagiert durchaus auf Druck, das ist die Erfahrung in Kiew. Ukrainische Diplomaten, die in den vergangenen Monaten mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow zu tun hatten, erzählen, dass Lawrow kurz nach der Eroberung der Krim bei Verhandlungen aufrichtig und ernsthaft gewirkt habe. Er sei sich offenbar unsicher gewesen, welche Reaktionen die Annexion nach sich ziehen würde. Erst als die Russen sahen, dass der Westen lasch reagierte, sei ihr Auftreten dreister geworden. Von da an habe man verhandelt und sich an nichts mehr gehalten. Die russische Seite habe eine Lehre gezogen: Wir haben nichts zu befürchten, also machen wir weiter.

In Mariupol bereitet man sich auf das russische "Weitermachen" vor, so gut es eben geht. An den Straßen nach Osten werden Panzersperren aus Beton aufgestellt, Unterstände gebaggert und Schützenpanzer in die Erde eingegraben. Aus Kiew kommt Verstärkung, mehr Männer, aber keine schweren Waffen. Freiwillige aus der Region strömen mit ihren Spaten herbei. Seite an Seite mit den Soldaten bauen sie die Verschanzungen – obwohl die schweren Panzer der Russen damit wohl nicht aufzuhalten sind.

"Ich weiß, dass es aussichtslos ist", sagt eine Lehrerin, die zu den Erdarbeiten gekommen ist, "aber ich kann doch nicht zu Hause herumsitzen. Ich muss etwas tun."