Als Ulrich Schneider noch in die Grundschule ging, gehörte er zu den Pfadfindern. Er musste damals in der Adventszeit gemeinsam mit seinen Freunden regelmäßig alte Damen aus der Kirchengemeinde besuchen und ihnen ein Paket Kaffee schenken. Der Pfarrer bestand darauf.

Hätte man damals den Wert dieser Leistung messen können? Wäre der Maßstab die Zufriedenheit der Frauen gewesen – oder das Verantwortungsgefühl der Jungen? Oder ging es um den sozialen Zusammenhalt in der Gemeinde?

Mittlerweile ist Schneider Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes und somit Deutschlands bekanntester Lobbyist für Arme. Die Fragen nach der Effizienz des Pfadfinder-Einsatzes stellt er in seinem gerade erschienenen Buch Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen.

Meistens lässt sich die Arbeit von Sozialarbeitern, Pfarrern, Lehrern oder Pflegekräften eben nicht mit ökonomischen Kriterien messen – so lautet Schneiders Credo. Das soll auch sein Pfadfinder-Beispiel zeigen. In zu vielen Bereichen des Sozialstaats werde mit betriebswirtschaftlichen Kennzahlen gearbeitet und in Effizienzkriterien gedacht. Das Streben nach dem persönlichen Vorteil – was zu einer Marktwirtschaft gehöre – müsse ausgeglichen werden durch Bereiche ohne Nützlichkeitsprinzip. Das Soziale, schreibt Schneider, sei kein Anhängsel und kein Korrektiv eines ansonsten funktionsfähigen Wirtschaftssystems, sondern ein "Gegenüber" mit anderen Gesetzmäßigkeiten und Handlungslogiken.

Schneiders Buch wirkt auf vielen Seiten einfach wie die Sorte Kampfschrift, die man vom Chef eines Sozialverbandes erwartet: Er schreibt, dass Altenpflege im Minutentakt die Menschenwürde verletze, dass Krankenhäuser nicht nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung betrieben werden dürften und dass die Arbeit mit Behinderten erst recht nicht nach betriebswirtschaftlichen Methoden möglich sei. All das wird detailliert begründet und beschrieben; der Mann mit dem Backenbart, den viele Fernsehzuschauer aus Talkrunden über Hartz IV kennen, hat eine Mängelliste vergangener Sozialreformen vorgelegt.

Gleichzeitig beschreibt Schneider, wie das Vordringen von Managern, ökonomisches Vokabular und das Denken in Kennzahlen vielen in der Welt des Sozialen um die Jahrtausendwende als schick und zeitgemäß erschien. Damals wurde "vielfach gewitzelt über die mit den gesunden Schuhen, den Bärten, den Lederumhängetaschen, die mit Rucksack statt Koffer reisten", schreibt er. Belegschaften und Management hätten sich in den Sozialeinrichtungen viele Jahre lang beinahe sprachlos gegenübergestanden. Jetzt wünscht der Autor sich vor allem ein anderes Selbstbewusstsein derer, die mit alten und kranken Menschen arbeiten. Der Pfarrer in seiner Kirchengemeinde, schreibt er, sei ein Profi gewesen, der Einsatz mit dem Kaffee war für alle Beteiligten gut. Man solle bloß häufiger darauf verzichten, Erfolge mit ökonomischen Kriterien zu messen.