Ursprünglich hätte Gregor Schneider sein neues Kunstwerk im Lehmbruck Museum zu Duisburg aufbauen und zeigen sollen, aber der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link (SPD) sagte das Unternehmen, das den Titel totlast trug, sehr kurzfristig ab. Bei der Loveparade in Duisburg waren vor vier Jahren große Menschenmassen in die Enge einer Bahnunterführung getrieben und 21 Menschen erdrückt oder zu Tode getrampelt worden; sechs Überlebende der Katastrophe nahmen sich seitdem das Leben. Link sagte nun, Duisburg sei nach all dem "nicht reif" für ein Kunstwerk, "dem Verwirrungs- und Paniksituationen immanent sind". Die Absage kam spät und geschah mit herrischem und zugleich hilflosem Gestus, denn die Pläne Schneiders waren seit Monaten bekannt, und an einem klärenden Gespräch mit dem Künstler war der Oberbürgermeister nach der Absage nicht mehr interessiert. Es wird behauptet, dass in der Duisburger Baubehörde Menschen über Schneiders Kunstwerk zu entscheiden hatten, die auch an der Genehmigung der Loveparade beteiligt waren und die also fürchteten, totlast könne dazu führen, dass kollektive und persönliche Schuldlasten neu diskutiert würden. Duisburg war, kurz gesagt, eine Stadt, in der man plötzlich hohen Respekt, ja Angst vor den Auftriebskräften der Kunst hatte. Heiner Goebbels, der Intendant der Ruhrtriennale, nannte den Vorgang einen Angriff auf die Freiheit der Kunst, aber in Bochum (welches seinerzeit die Loveparade nicht hatte ausrichten wollen) fand er rasch einen anderen Ort für Schneider.

Diese Vorgeschichte liegt wie der Schrei eines unsichtbaren Erschreckers über dem neuen Spielort. Man durchquert das Kunstmuseum von Bochum und denkt an die Duisburger Unterführung, in der die Katastrophe geschah. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Man geht geduckt, im Modus der Flucht, man hat Metall und Beton um sich, es gibt kein Tageslicht. Aber ansonsten führt vom Kunstmuseum kein Gedankenweg zur Katastrophe der Loveparade, man bewegt sich hier nicht in der Masse, und es droht keine Stampede. Man ist in einem von seinen Schöpfern verlassenen Bauwerk: in der Welt nach den Menschen. Allerdings hat man die schöne Angst, es könnte doch noch ein anderer in diesem Labyrinth sein, dem man blind nachtappt, am besten ein Minotaurus, der nun gleich umkehren und einem durch die Röhren entgegenrasen wird.

Genau genommen: So ganz grundlos ist die panisch-populistische Reaktion des Duisburger Oberbürgermeisters auf Schneiders Kunst nicht, denn es ist eine Kunst zum Tode. Die finsterste Möglichkeit von Schneiders Architektur, der letzte seiner denkbaren Räume ist der Sarg, worin der Mensch allein liegt, oder noch tückischer, der Kernspin-Tomograf, worin er sein Urteil erfährt. Tatsächlich ist es Schneiders Traum, einen Raum zu bauen, in dem ein Mensch wahrhaftig stirbt.

Aber mit dem Kunstmuseum erfüllt er sich diesen Traum noch nicht, zum Glück des Besuchers. Nach einigen Schlingen und Kehren mündet das Röhrensystem in einem Verwaltungstrakt, der Weg führt gewissermaßen vom Darm zum Kopf des Museums. Es ist, als begleite man einen Filterungs- und Reinigungsprozess: Wir betreten jetzt die Museumsbüros. Die Angst erstarrt zu Kunst, und über alles Wilde siegt am Ende das Archiv, die Kunstgeschichte. Das Tageslicht ist wieder da, man sieht Regale voller Leitz-Ordner, Schreibtische mit Laptops, den Monitor einer Überwachungskamera, all das ebenfalls von Gregor Schneider gestaltet, und dann ist man draußen im echten Museum und darf endlich das Museumsübliche tun: Man darf, mit aufrechtem Gang, einen Mann darstellen, der die Schrecken der Vorzeit überstanden hat und sich ganz dem Genuss der Kunst widmet.