Für Politiker bedeutet jeder Wahltag eine Verwandlung. Meist ist danach klar, ob sie gewachsen oder geschrumpft sind. Als Martin Dulig am vorigen Montagmorgen nach der langen Dresdner Wahlnacht aufwachte, wird er wohl nicht genau gewusst haben, was aus ihm geworden war: ein Riese oder doch wieder nur ein Zwerg?

Sachsens SPD, deren Vorsitzender Dulig ist, hatte lange Zeit eine gewisse Ähnlichkeit mit Oskar Matzerath, dem Knirps aus dem Roman Die Blechtrommel; mit einem Wesen also, das nicht nur gern kräftig trommelt, sondern überdies als Winzling aufgehört hat zu wachsen. Duligs Partei war seit den neunziger Jahren gar nicht oder nur knapp über die Marke von zehn Prozent bei Landtagswahlen gekommen.

Am Sonntag nun wollten die Sozialdemokraten endlich über sich hinauswachsen. Umfragen hatten sie in den letzten Wochen bei 13 bis 15 Prozent verortet. Am Ende der Wahlnacht stand das Ergebnis: 12,4 Prozent. "Bittersüß" fand es SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi. Eine nette Umschreibung für: "Geht so". Auf der Dresdner SPD-Wahlparty war deutlich zu sehen, dass der rote Zwölf-Prozent-Balken auf den Bildschirmen keine Freudentänze auslöste. Zwar hat die Partei zwei Prozentpunkte mehr geholt als beim vorigen Mal – und als einzige Partei neben der AfD zugelegt. Doch gemessen an den hochgezüchteten Erwartungen im Vorfeld wirkt das nicht wie ein berauschender Erfolg.

Es sah so aus, als sei die Partei in Dresden und Berlin kurz nach Schließung der Wahllokale noch von der hoch professionellen PR-Kampagne ihres eigenen Spitzenkandidaten eingelullt gewesen. Dulig machte Wahlkampf mit seinen sechs Kindern und seinem Küchentisch, mit dem er umhertourte (ZEIT Nr. 31/14). Das war großes Kino. Der Kandidat erschien so als Riese der Landespolitik – der er qua seiner Zehn-Prozent-Partei im Rücken bisher nicht war. Sachsens CDU unter Stanislaw Tillich, daran sei erinnert, ist drei- bis viermal so stark.

Dennoch ist die Lage für die sächsische SPD und ihren Frontmann bei Weitem erfolgversprechender, als es die Stimmung am Wahlabend vermuten ließ. Martin Dulig hat einen Triumph verpasst, sich aber mehrere politische Trümpfe erkämpft.

Der erste betrifft die Regierungsbildung. Rechnerisch möglich – und für viele ein reizvolles Experiment – wäre in Sachsen eine schwarz-grüne Koalition. Dass sie zustande kommt, ist jedoch unwahrscheinlich, schon wegen der inneren Querelen bei den Grünen nach deren mäßigem Wahlergebnis. Dem CDU-Premier Tillich wird daher wohl allein die SPD als Verhandlungspartner übrig bleiben, wer denn sonst? In diesem Fall wäre die Union ansatzweise politisch erpressbar. Hinzu kommt, dass die Sozialdemokraten angekündigt haben, über einen möglichen Koalitionsvertrag ihre Mitglieder abstimmen zu lassen. Mit dem Hinweis "Das alles müssen wir doch bei unseren Leuten durchkriegen" könnte Dulig in den Verhandlungen zusätzlich Druck ausüben.

Duligs weitere Trümpfe betreffen ihn selbst. Innerhalb weniger Wochen hat ihn sein beherzter Wahlkampf vom Nobody zu einem der bekanntesten Politiker Sachsens gemacht (siehe Interview unten). Vom "vielleicht besten Wahlkampf, den es seit Willy Brandts Zeiten in der SPD gegeben hat", schwärmte die Süddeutsche Zeitung. Das ist hoch gegriffen. Unstrittig ist, dass Dulig seit dem Sommer auch in der Bundes-SPD als führendes Talent gilt. Schon wurde spekuliert, er könne bei nächster Gelegenheit zum stellvertretenden Vorsitzenden aufsteigen. Nicht schlecht für den Chef einer Zwölf-Prozent-Landespartei.

Das Momentum ist derzeit also auf Seiten des Aufsteigers Dulig. Obwohl gerade einmal 40 Jahre alt, hat er schon mehr als ein Jahrzehnt Führungserfahrung in der Landespolitik. Nun kommt es darauf an, dass ihm keine schweren Fehler unterlaufen auf dem Weg zu einer möglichen schwarz-roten Landesregierung – und auch nicht an der Macht. Die Union ist berüchtigt dafür, dass in einer Regierung unter ihrer Führung der Juniorpartner leicht mal zermalmt wird; in Sachsen war das zuletzt bei Holger Zastrows FDP zu sehen.

Duligs erste Herausforderung wird sein, die SPD annähernd auf Augenhöhe mit der sehr machtbewussten Sachsen-CDU zu bringen. Indem er etwa das Finanzressort für sich beansprucht? Und er muss seine Partei disziplinieren – im SPD-Wahlprogramm finden sich schließlich so einige Wünsch-dir-was-Forderungen. Das wird nicht leicht, selbst für einen, der sich anschickt, ein Riese zu werden.