ZEIT: Ist es nicht ein Misserfolg der CDU, dass in Sachsen zwei rechte Parteien, AfD und NPD, zusammen auf 15 Prozent kommen?

Biedenkopf: NPD und AfD in einem Atemzug zu nennen erscheint mir unangemessen. Die Stärke der CDU ist praktisch gleich geblieben. Die Staatsregierung war und ist sehr erfolgreich: Der Freistaat gewinnt Preise für seine Schulpolitik, fährt einen praktisch schuldenfreien Haushalt, und der Ministerpräsident findet seit Jahren eine breite Zustimmung bei der Bevölkerung. Verändert hat sich das Bild der kleineren Parteien. Das Thema NPD haben die Wähler zu den Akten gelegt. Sie werden es wohl auch 2019 nicht wieder aufrufen; jedenfalls dann nicht, wenn es bis dahin auch eine Partei gibt, die auf ernsthafte Weise dem Bedürfnis nach einer konservativen Politik inhaltlich Rechnung trägt. Eine solche Partei fehlt derzeit. Die FDP ist an sich selbst gescheitert. Mit der AfD hat sich eine neue politische Kraft gemeldet. Was daraus wird, muss man abwarten. Die AfD im bisher üblichen Sinne als rechts einzustufen ist voreilig.

ZEIT: In vielen Ländern sind rechtspopulistische Parteien erfolgreich, oft mit Hetzparolen gegen Ausländer. Was macht Sie so sicher, dass wir nicht vor so einer Entwicklung stehen?

Biedenkopf: Was macht Sie so unsicher, dass Sie fragen? Seit dem ersten Einzug der Republikaner in den Stuttgarter Landtag vor rund 20 Jahren haben Deutschlands Wähler in ihrer großen Mehrheit Ihre Sorge widerlegt. Ich sehe keine Anzeichen für eine wesentliche Veränderung. Soweit es um die AfD geht: Was haben Sie gegen familienpolitische Leitbilder, die sich an der Mehr-Kind-Familie orientieren? Das ist ebenso ihr Recht wie das anderer Parteien, die für die Gleichstellung der Homo-Ehe eintreten. Interessant ist doch, dass wir das Familienbild der AfD für schrecklich konservativ halten, fast wie das der NPD, während wir Straßenfestivals der Schwulen und Lesben in der Bundeshauptstadt hervorragend finden. Da stimmt etwas nicht mit der Objektivität der Wahrnehmung. Und die Forderung nach Volksabstimmungen über den Bau eines Minaretts gab es in den letzten Jahren immer wieder.

ZEIT: Die CSU forderte Anfang des Jahres: "Wer betrügt, der fliegt". Ihr scheint es auch mit solchen Parolen zu gelingen, am rechten Rand des Parteienspektrums keine Konkurrenz aufkommen zu lassen, oder?

Biedenkopf: Ich rate meiner Partei von solchen Formulierungen ab. Wenn ein Mensch aus Rumänien zu uns kommt und eine Unterstützung in Höhe des Existenzminimums erwartet, das hier laut Bundesverfassungsgericht jedem zusteht, ist das in Ordnung. Von Forderungen, die Grenzen dichtzumachen, halte ich nichts. Es gibt einen emotional aufgeladenen Konflikt zwischen der Freizügigkeit in Europa und der Belastung unserer Sozialsysteme. Der muss gelöst werden. Aber nicht mit der Vorstellung, die Parteien seien so etwas wie Volkserzieher. Das sind sie nicht. Ich sage das jedem Abgeordneten, der behauptet, er müsse seine Wähler "mitnehmen". Wohin will er sie mitnehmen und wie? Seine Aufgabe ist es zu werben, gerade für schwierige Entscheidungen. Geht es um politische Extreme, reicht die politische Vernunft der Deutschen aus, um unser Land zu schützen.

ZEIT: Ist es klug, der Debatte mit der AfD auszuweichen? Seit Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte, er setze sich nicht mit AfD-Politikern in eine Talkshow, hat sich diese Haltung in Ihrer Partei fast durchgesetzt.

Biedenkopf: Ich bin sicher, die meisten Unionspolitiker können selbst sehr gut entscheiden, wann sich eine Debatte mit einem Vertreter der AfD lohnt und wann nicht.

ZEIT: Wie halten Sie es?

Biedenkopf: Es gibt Vertreter der AfD, denen ich aus dem Wege gehe. Andere schätze ich. Parteichef Bernd Lucke halte ich für einen hellen Kopf. Mit anderen Vertretern habe ich Briefwechsel über den Euro geführt. Wir haben den inhaltlichen Austausch geschätzt.

ZEIT: Kurz vor der Landtagswahl ermahnte der CDU-Generalsekretär Sachsens Premier, keine AfD-Koalition einzugehen. Hätten Sie sich eine solche Einmischung verbeten?

Biedenkopf: Wie ich Stanislaw Tillich kenne, wird er, wenn überhaupt, dem Generalsekretär nahelegen, derartige Ermahnungen zu unterlassen. Im Zweifel nutzen sie doch nur der AfD. Die könnte dann behaupten, die CDU habe Angst vor ihr. Ich fand es klug, dass Stanislaw Tillich sich in der Koalitionsfrage nicht öffentlich geäußert hat.

ZEIT: Wäre ein schwarz-grünes Bündnis in Sachsen geeignet, das Land voranzubringen?

Biedenkopf: Prinzipiell ja. Aber die Mehrheit einer Koalition aus CDU und Grünen wäre zu knapp und die innere Stabilität der Grünen zu gering.

ZEIT: Die SPD hat erlebt, dass sich Grüne und Linke dauerhaft neben ihr etabliert haben. Hat sie Fehler gemacht, aus denen die Union lernen kann?

Biedenkopf: Ich glaube nicht, dass Fehler die Ursache für die Schwäche der SPD sind. Ihr zentrales identitätsstiftendes Thema, die soziale Frage, hat die tragende Bedeutung verloren. Als Volkspartei hatte die Union von Anfang an einen breiter angelegten Themenkanon und war daher nicht in gleicher Weise verwundbar. Inzwischen definieren sich beide Parteien immer weniger über große inhaltliche Fragen. Sie fahren beide auf Sicht und orientieren sich stärker an Umfragen. Das kann aber in einigen Jahren wieder anders sein. Vielleicht werden sie dann wieder durch große gesellschaftliche Konflikte bestimmt wie den Streit um die Verteilung knapper Ressourcen in Europa und einer übervölkerten Welt – im eigentlichen Sinne also konservative Themen. Dass es so kommt, halte ich eher für wahrscheinlich.