Es gibt Wahlen, die haben gerade erst stattgefunden und sind doch schon wieder vergessen. Und es gibt Wahlen, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen.

Sachsens CDU, ihr voran Premier Stanislaw Tillich, versucht beharrlich den Eindruck zu erwecken, es handle sich bei der Landtagswahl vom Sonntag um ersteren Fall, ein 08/15-Resultat. Tillich nennt es: "ein super Ergebnis". Jetzt wird schön koaliert, dann in Ruhe weiterverwaltet.

Da möchte man dazwischenrufen: Stopp! Verdammt! In Wahrheit ist nichts super, gar nichts. In Wahrheit hat Sachsen eine Zäsur erlebt, eine Schande beinahe. Das liegt an drei Zahlen: 49 Prozent. 10 Prozent. Und 4,9 Prozent.

Bei beinahe fünf Prozent landete die NPD. Zehn Prozent, das ist ungefähr das Ergebnis der AfD. 49 Prozent, das ist die Wahlbeteiligung. Nur noch ein Bruchteil der wahlberechtigten Sachsen hat sich für die etablierten Parteien entschieden. Ein ostdeutsches Bundesland verabschiedet sich schleichend aus dem demokratischen Konsens. Daran soll keiner Schuld tragen?

Doch, alle tragen Schuld. Da ist die Union, deren Verweigerung jeder Debatte vielen Bürgern erst das Gefühl gegeben hat, es gehe ja um nichts. Ihr anhaltender Flirt mit der AfD steigerte zudem die Attraktivität dieser Partei. Für den eigenen Erfolg nahm Tillich eine niedrige Wahlbeteiligung – den Erfolg von Populisten – in Kauf.

Es wäre ein erster Schritt, einzusehen, dass man sich nur wie Kurt Biedenkopf gerieren kann, wenn man Kurt Biedenkopf ist – und in den 1990ern lebt. Zur Landtagswahl 1990 lag die Wahlbeteiligung bei 73 Prozent. Biedenkopf wurde damals von 1,4 Millionen Sachsen gewählt, Tillich 2014 von 645. 000. Tillich sollte aufhören, Biedenkopfs Stil zu imitieren, den des altväterlichen Provinzfürsten. Er muss sich für Debatten öffnen. Allerdings ist es der Opposition, das gehört zur Ehrlichkeit dazu, auch kein einziges Mal gelungen, die Regierung ins Schwitzen zu bringen. Und selbst die Medien tragen Schuld, weil sie sich die Inhaltsleere gefallen lassen. Am Ende muss sich so jeder Sachse ein bisschen schämen.

Es klingt pathetisch, wenn jetzt alle an das Wende-Jubiläum erinnern. Aber das Recht, zu wählen, bedeutet Verantwortung. Wenn aus einer einmaligen Protestwahl regelrechte Protestwahlroutine wird – dann heißt das, dass viele es sich bequem gemacht haben in Motzerei und Gezeter. Sie empfinden beißende Verachtung für die Politik. Und das nicht aus Verzweiflung. Den Sachsen geht es prima, jedenfalls geht es nicht zwei Drittel von ihnen schlecht. Man ist sich einfach zu schade für ein bisschen Engagement.

Nein: Nichtwählen ist eine als Ohnmachtsgeste getarnte Machtdemonstration.

Sachsen benötigt eine Demokratie-Reha. Es sollte vor der nächsten Wahl keine Partei geben, die nicht mit dem informellen Wahlbeteiligungsclaim antritt: "Ein Drittel mehr". Der Regierungschef sollte es für natürlich halten, eine Debatte nach der anderen zu absolvieren – ob in der Turnhalle oder im Fernsehstudio. Jeder Firmenchef, jeder Fußballtrainer muss seine Leute zur Wahl treiben. In den Dörfern, die vom Braindrain der Neunziger ausgelaugt sind, mag es nicht mehr so viele geben, die mit Gauckscher Freiheitsbegeisterung für die parlamentarische Demokratie einstehen. Aber die wenigen tragen besondere Verantwortung für das Ganze.

Dies war erst die sechste Landtagswahl seit 1990. Bei jeder Abstimmung sinkt die Wahlbeteiligung weiter. Soll das ewig so weitergehen? Irgendwann wird es das dann gewesen sein mit der Demokratie. Immerhin könnte man sagen: Es wäre ein selbst gewähltes Schicksal.