Sie waren sich einig, die Herren, die an diesem Septembertag in Langenthal tagten: Nichtstun wäre gefährlich. Die Konservativen, warnte ein Berner Fürsprech, seien gerüstet, "die Verfassung zu Fall zu bringen". Und so meinte ein Verleger aus Zürich: "Der Uebelstand muss beseitigt werden, dass das Volk nicht ohne den Willen der Räthe einen [einzelnen] Artikel abändern kann."

Das war im Jahr 1879. Eben erst hatte sich die Schweiz eine neue Verfassung gegeben, die zweite seit der Gründung des Bundesstaats. Die Herren, die hier debattierten, waren allesamt honorige Persönlichkeiten des Schweizerischen Volksvereins, einer Vorgängerorganisation der FDP; und was sie beschäftigte, erinnert an eine der drängendsten innenpolitischen Fragen von heute:

Wie viel Volk erträgt die Schweiz?

Wo man der Demokratie Grenzen setzen muss und sich das Volk in einem System von demokratischen checks and balances am klügsten selber beschränkt – solche Überlegungen begleiteten schon die Einführung der modernen Volksrechte. Heute aber tun manche Politiker so, als ob sich hier ein heimlicher Putsch gewisser Eliten abzeichne.

Als die Schweiz gegründete wurde, gab es keine direkte Demokratie

Dabei verlief die Tendenz in den letzten Jahrzehnten in eine völlig andere Richtung: mehr Volk, weniger Macht im Bundeshaus. "Wer regiert die Schweiz?", fragten wir in unserem Buch, das dieser Tage erscheint. Und eines der klarsten Rechercheergebnisse lautet: Es sind die Bürger. Verglichen mit den politischen Zuständen, die noch vor einer Generation herrschten, wurde die Macht der Eliten, die Lenkungskraft von einzelnen Strippenziehern oder der Einfluss "derer in Bern oben" kräftig zusammengestaucht. "Die Macht liegt bei denen, die die Initiative ergreifen", analysiert Ulrich Bremi, ehemaliger FDP-Nationalrat und Industriekapitän. In jüngster Zeit konnten das Einzelkämpfer wie Thomas Minder oder Franz Weber sein, die Väter der Abzocker- beziehungsweise der Zweitwohnungsinitiative. Oder eine Cafébesitzerin wie Christine Bussat (Pädophilen-Initiative). Oft waren es Christoph Blocher und seine SVP.

Die Volkspartei arbeitet am eifrigsten mit Initiative und Referendum. Parallel dazu kultiviert sie Vorstellungen von einer "classe politique", die sich vom Volk entfernt habe. Das ist kein Widerspruch, und es ist auch kein Zufall. Es ist schlagkräftige Politik. "Die Anzahl der Initiativen und Referenden nimmt zu; und die Anzahl der Initiativen und Referenden, die gewonnen werden, steigt. Das zeigt, dass sich die Parlamentsmehrheit vom Volk entfernt hat": So sieht es SVP-Nationalrat und Auns-Präsident Lukas Reimann. Man präsentiert sich, in Abgrenzung zu allen andern, als wahre Vertreter der Bürgerinnen und Bürger.

Wie sehr dieses Volk seinen Einfluss ausgebaut hat, lässt sich mit Zahlen belegen. In den ersten 90 Jahren seit Einführung des heutigen Initiativrechts kamen lediglich 75 eidgenössische Initiativen vors Volk; aber von 1981 bis zum Ende dieses Jahres werden es schon 121 sein. Denn es wird immer einfacher, die nötigen Unterschriften zu sammeln: 1891 musste ein Initiant 7,6 Prozent der Stimmberechtigten überzeugen; damals erforderte eine Initiative 50 000 Unterschriften. Heute sind es nicht einmal mehr zwei Prozent der Stimmberechtigten, die man auf seine Seite bringen muss, um seine Anliegen an die Urnen zu bringen.

"Das Volk wird militant", befand der Präsident der FDP, Philipp Müller, im Frühjahr 2012. In der Tat dienen die direktdemokratischen Instrumente verstärkt dazu, die Politiker zu disziplinieren. Solch eine Entwicklung fürchteten schon 1879 die freisinnigen Herren in Langenthal: Das Land könnte vor lauter Direktdemokratie schwieriger zu regieren sein. Heute allerdings darf man solche Warnungen gar nicht mehr äußern. Und schon gar nicht kann ein Politiker es wagen, Einschränkungen der Volksrechte zu fordern.

Es ist ein ewiger Streit. Jahrzehntelang debattierten im 19. Jahrhundert Rechtsgelehrte und Politiker über den Ausbau der Volksrechte; Kantone mit Landsgemeinden grenzten an Kantone mit reinen Parlamentssystemen oder ausgebauten Volksrechten, alle mussten sich im jungen Staat zusammenraufen. Dabei schlug das Pendel nach der Gründung der modernen Schweiz 1848 eher hin zu einem Repräsentativsystem. Erst nach etwa zwei Jahrzehnten drehte der Wind, denn nun bekämpfte die neue demokratische Bewegung das Establishment der liberalen "Bundesbarone" oder "Eisenbahnbarone". Für Florian Gengel, einen jungen Bündner Juristen, der in den 1860er Jahren als Redaktor beim Bund arbeitete, waren Referenden und Initiativen eine "logische" und "natürliche" Folge, eine notwendige Korrektur der alten liberalen Macht. Die Gegner hingegen warnten: Mit zu starken Volksrechten drohe "eine stete Durchkreuzung des Wirkens der Wissenden und Verstehenden durch die Nichtwissenden und Nichtverstehenden" und damit die "Hemmung allen Fortschrittes". Als die Stimmbürger 1891 das neue, bis heute gültige System von Volksinitiative und Referendum annahmen, befand der liberale Bundesrat Numa Droz, dies sei der Übergang von der Demokratie zur Demagogie.