Es gibt auch für richtige Sätze einen falschen Zeitpunkt: Der Wohlstand einer Gesellschaft hänge nicht allein an "Wachstumsraten und Bruttoinlandsprodukt", sagte Angela Merkel kürzlich bei einem Treffen mit Wirtschaftsnobelpreisträgern am Bodensee. Der Kanzlerin ging es um eines ihrer Lieblingsprojekte. Sie will die Lebensqualität der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Politik rücken.

Doch auf einmal wirken solche Worte ganz so, als wolle Merkel die Lage schönreden. Denn inzwischen wäre schon viel gewonnen, wenn es in Deutschland überhaupt noch Wachstum gäbe. Der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im arabischen Raum und die Krise in der Euro-Zone verderben den Unternehmen die Stimmung. Die Investitionen gehen zurück, die Verbraucher halten ihr Geld zusammen, und selbst das Exportgeschäft ist gefährdet.

Im Frühjahr ist die Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft, für den Rest des Jahres sieht es nicht viel besser aus. Schon bald muss die Regierung deshalb nach Informationen der ZEIT ihre Konjunkturprognose nach unten revidieren – und damit gerät die Grundlage der deutschen Wirtschaftspolitik ins Wanken.

Denn egal, ob es um den ausgeglichenen Haushalt geht, um Entlastungen für die Bürger oder dringend benötigte Investitionen in Schulen und Straßen: Geld dafür hätte eigentlich dank der guten Konjunkturlage vorhanden sein müssen. Selbst in Europa lief es zuletzt besser, weshalb es der Kanzlerin gelungen ist, alle Forderungen aus Brüssel abzublocken, die deutsche Steuerzahler belastet hätten. Jetzt wächst der Druck, neue Hilfsprogramme für die Krisenstaaten aufzulegen.

Die Koalition entwirft Notfallpläne, um die Konjunktur zu unterstützen

Inzwischen hat die Regierung den Ernst der Lage erkannt. Bei einem "Zukunftsgespräch" auf Schloss Meseberg am Dienstag dieser Woche sollte es eigentlich um zeitlose Themen wie den Fachkräftemangel gehen. Doch dann sprach W irtschaftsminister Sigmar Gabriel plötzlich über die "geopolitischen Risiken", die längst "in Deutschland und Europa" angekommen seien. In den zuständigen Ministerien werden deshalb bereits Notfallpläne ausgearbeitet, um die Konjunktur stützen zu können, wenn sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtert.

Die Politik in Deutschland hat eine gewisse Routine im Umgang mit Krisen entwickelt. Es gab in den vergangenen Jahren einfach so viele. Derzeit aber verbinden sich die ungelösten Probleme der Währungsunion mit den weltpolitischen Umwälzungen. Daraus entsteht eine neuartige Bedrohung der Wirtschaft, die nur schwer vorherzusagen und noch schwerer zu beherrschen ist.

Dabei schien es lange so, als könnte ein Mann Europa vor dem neuerlichen Niedergang retten: Mario Draghi. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat mit seinem Versprechen, den Euro um jeden Preis zu verteidigen, für Ruhe an den Finanzmärkten gesorgt – und in Europa eine zögerliche wirtschaftliche Erholung in Gang gesetzt.

Doch nun gefährdet die Weltlage auch die Erfolge im Kampf gegen die Euro-Krise. Russland ist zwar als Absatzmarkt für die meisten Euro-Länder wenig bedeutend. Doch viele Unternehmer spüren, dass die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten sich zu einer Gefahr für die internationale Ordnung und damit unter anderem auch den Welthandel auswachsen könnten. Deshalb halten sie sich mit Investitionen zurück. In den ökonomisch immer noch geschwächten Krisenstaaten reicht dieses Zögern möglicherweise schon aus, um die Konjunktur zum Kippen zu bringen. Die Situation in der Ukraine sei "eine schwere Belastung für die Wirtschaft", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Wenn Draghi an diesem Donnerstag in Frankfurt mit seinen Kollegen aus dem Zentralbankrat zusammenkommt, dann geht es darum, neues Geld in die Wirtschaft zu leiten. Und daran sollen sich nach den Vorstellungen des Italieners auch die Regierungen beteiligen.

Draghi glaubt inzwischen nicht mehr, dass sich die wirtschaftlichen Probleme Europas allein durch niedrige Zinsen und Strukturreformen etwa am Arbeitsmarkt lösen lassen – und er macht aus seiner Überzeugung kein Geheimnis. Weil solche Reformen aller Erfahrung nach erst langfristig wirken, sieht er die Finanzpolitik in der Pflicht, in der Zwischenzeit eine "größere Rolle" zu übernehmen, wie er kürzlich auf einer Zentralbankkonferenz in den USA sagte. Es soll also mehr Geld ausgegeben werden – auch in Deutschland.

In Brüssel wird schon daran gearbeitet, diese Idee in die Tat umzusetzen. Dabei kommt der Europäischen Kommission eine Schlüsselrolle zu. Die Behörde kontrolliert die nationalen Haushalte nach strengen Regeln, doch sie hat durchaus Handlungsspielraum. So könnte sie eine flexible Interpretation der Vorschriften durchsetzen und somit den Spardruck lindern, ohne die Budgetregeln als solche infrage zu stellen.