Das Kanzleramt ist angesichts solcher Planspiele in Alarmbereitschaft. Zwar sind auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble grundsätzlich bereit, die europäischen Regeln mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage in Italien und Frankreich auszulegen – aber nur in engen Grenzen. Am vergangenen Donnerstag redete Schäuble in Paris lange auf seinen französischen Kollegen Michel Sapin ein, um ihn davon zu überzeugen, den Sparkurs nicht aufzugeben. Und bis zuletzt haben Emissäre aus Berlin vergeblich versucht, die Ernennung des ehemaligen französischen Finanzministers Pierre Moscovici zum neuen Währungskommissar zu verhindern.

Auch im Inland gibt sich Schäuble unnachgiebig. An seinem Prestigeprojekt, im kommenden Jahr erstmals seit einem halben Jahrhundert einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen und bis zum Ende der Legislaturperiode keine neuen Schulden aufzunehmen, hält er bislang fest. Am Dienstag schwor der Minister die Haushaltsexperten der Koalition noch einmal auf dieses Ziel ein. Sie hatten sich zuvor mit dicken Aktenordnern für zwei Tage zur Klausur zurückgezogen hatten, um über den Etat für das kommende Jahr zu beraten. Für Schäuble steht die Glaubwürdigkeit der Politik auf dem Spiel, deshalb will er sein Versprechen auch dann halten, wenn sich die Wirtschaftslage verschlechtert.

Sollte das Geld also tatsächlich knapper werden, wird der Finanzminister zunächst einmal versuchen, bei den Ausgaben zu sparen. Das allerdings wäre ein Kraftakt für eine Regierung, die sich daran gewöhnt hat, dass die Einnahmen immer über den Erwartungen liegen und nicht darunter – und es könnte im Abschwung genau die falsche Reaktion sein, weil die Konjunktur dadurch zusätzlich belastet würde.

Haushaltsregeln für Südeuropa locker- nehmen? Für manche kein Problem

Das weiß man auch in Schäubles Haus. Es ist schließlich erst gut fünf Jahre her, dass Deutschland die Finanzkrise schon einmal mit zwei Konjunkturprogrammen bekämpft hat. Wenn es wirklich schlimm kommt, zum Beispiel weil die Lage in der Ukraine eskaliert, würde Schäuble auch die schwarze Null zur Disposition stellen. Rechtlich zulässig wäre das sogar, denn der Bund könnte mehr Kredite aufnehmen, ohne gegen die Schuldenbremse im Grundgesetz zu verstoßen. Die erlaubt nach derzeitigem Stand zusätzliche Darlehen von rund zehn Milliarden Euro pro Jahr. So könnte Schäuble das Schicksal seines Vorgängers Peer Steinbrück ereilen. Der hatte den Haushalt fast ausgeglichen – doch dann kam die Finanzkrise und verhagelte ihm den Etat.

Im Wirtschaftsministerium kursieren schon Pläne, wie das Wachstum im Notfall gefördert werden könnte. Offiziell soll das ohne zusätzliches Staatsgeld ablaufen, dafür sollen die Unternehmen dazu gebracht werden, mehr zu investieren. Doch insgeheim wird nach Informationen der ZEIT an einer Art Konjunkturprogramm gearbeitet. Dazu ergänzen Gabriels Leute derzeit ein ohnehin geplantes Arbeitsprogramm für die Regierung um eine Reihe von Konjunkturmaßnahmen.

Bislang umfassen die zehn Punkte zur "Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit" lediglich Dauerbrenner wie "5. moderne Industriepolitik", "6. Bürokratieabbau" oder "7. Erbschaftsteuer vereinfachen". Nun wird erwägt, im Krisenfall den Unternehmen zu ermöglichen, Maschinen und andere Anlagegüter schneller abzuschreiben. Damit würden die Firmen Steuern sparen und könnten mehr investieren. Eine ähnliche Regelung kam im Kampf gegen die Finanzkrise zur Anwendung. Im Ministerium denkt man auch darüber nach, die Stromsteuern abzuschaffen und mehr öffentlich zu investieren.

Die Ministerialen können sich dabei zudem vorstellen, die europäischen Budgetvorgaben flexibler auszulegen – und die Basis der SPD hielte das sowieso für eine gute Idee. Auf Mario Draghis Rede in den Vereinigten Staaten haben führende Sozialdemokraten erheblich entspannter reagiert als Politiker von CDU und CSU.

Eigentlich hatte Gabriel sich diesen Herbst anders vorgestellt. In aller Ruhe wollte er sein Ministerium und seine Partei wirtschaftspolitisch neu positionieren – mit vielen kleineren Ideen und Initiativen. Nun könnte die wirtschaftliche Flaute den obersten Genossen zu einer schnelleren Reaktion zwingen.

Für Gabriel selbst ist das höchst riskant. Er will die SPD in die politische Mitte rücken. Nur so hat die Partei nach seiner Überzeugung überhaupt eine Chance, bei den nächsten Bundestagswahlen zu bestehen – und nur so könnte er selbst ins Kanzleramt einziehen. Wenn er jetzt Konjunkturprogramme vorschlägt oder sich mit den Krisenstaaten Südeuropas solidarisiert, könnte er schnell als sozialdemokratischer Geldverschwender dastehen – egal, ob eine solche Politik inhaltlich geboten ist oder nicht. Wer Formulierungen wie "Solidarität in Europa" oder "den Franzosen helfen" in den Mund nehme, habe in der deutschen Öffentlichkeit bereits verloren, heißt es in Gabriels Umfeld.

So hat in Berlin niemand ein Interesse daran, früh aus der Deckung zu kommen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio