Die Geschichte der Zinsen ist voller Geheimnisse, Lügen, Verbote. Zu den ältesten Zinssystemen gehört das babylonische. Im 18. Jahrhundert vor Christus herrschte in Babylon König Hammurabi. In Keilschrift auf Stein hinterließ er einen Gesetzestext. Der Codex Hammurabi regelte das tägliche Leben – und die verzinsbare Schuld.

Im alten Rom und im antiken Griechenland waren Zinsen ebenfalls üblich, als normaler Zinssatz galt ein Prozent pro Monat. Schon damals gab es Kritik: Der griechische Philosoph Aristoteles forderte ein Verbot von Zinsen. Geld sei zum Tauschen erfunden worden, durch den Zins vermehre es sich jedoch aus sich heraus. "Diese Art des Gelderwerbs ist also am meisten gegen die Natur", so Aristoteles.

Auch unter Katholiken waren Zinsen bis ins 19. Jahrhundert hinein verpönt. "Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder Geld noch mit Speise noch mit allem, womit man wuchern kann", ist in der Bibel zu lesen. Wer gegen das Zinsverbot verstieß, wurde exkommuniziert. Auch der Koran verbietet es, Zinsen zu nehmen.

Im Judentum wurden die biblischen Worte anders ausgelegt: Nur vom eigenen Bruder – also von anderen Juden – soll man keinen Zins verlangen. So kam es, dass Juden regen Geldhandel betrieben, während es Katholiken verboten war. Das Stereotyp vom gierigen Juden wurde entscheidend von William Shakespeare geprägt: In Der Kaufmann von Venedig verleiht der Jude Shylock Geld und macht sich dabei nicht gerade beliebt. Über seinen späteren Schuldner Antonio sagt er: "Ich hass ihn, weil er von den Christen ist, doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt umsonst Geld ausleiht und hier in Venedig den Preis der Zinsen uns herunterbringt." Später fordert Shylock sogar, ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper schneiden zu dürfen, sollte dieser seine Schulden nicht rechtzeitig zurückzahlen.

Dabei gab es bereits um das Jahr 1600, als Der Kaufmann von Venedig erschien, Wege, das Zinsverbot zu umgehen. In Florenz etwa führte der Stadtstaat "die rückzahlbare Steuer" ein: Die Bürger bezahlten, bekamen ihr Geld aber zurück, und das mit Gewinn. Da es sich um eine Zwangsabgabe handelte, hatte die Kirche nichts dagegen. Es handelte sich also um einen legalen Zins.

Karl V., der dank eines Darlehens der mächtigen schwäbischen Kaufmannsdynastie der Fugger Kaiser des Römischen Reichs geworden war, erlaubte 1543 niederländischen Kaufleuten, Zinsen zu erheben – auch wenn sich die Kirche weiterhin wehrte: Martin Luther etwa nannte den Zinskauf "das größte Unglück Deutscher Nation". Im 17. Jahrhundert entstanden zuerst in Flandern überregional organisierte Kreditmärkte. Allmählich wurde das verzinsliche Darlehen wieder Alltag.

Im 19. Jahrhundert sah der österreichische Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk im Zins nicht den Preis des Geldes, sondern den Preis für die Zeit, die der Verleiher auf seinen Konsum verzichten muss. Ähnlich argumentierte später John Maynard Keynes: Er beschrieb den Zins als eine Belohnung dafür, dass der Verleiher für eine gewisse Zeit seine Liquidität aufgibt. Der Zins ist ein Ausgleich dafür.

Übrigens: Ganz offiziell dürfen Katholiken seit 1983 wieder Zinsen nehmen.