Heinz N. war Banker, aber er trat auf wie ein Bankier: bescheiden, zurückhaltend und ausgesprochen höflich. "Von seiner Erscheinung ein unauffälliger Typ", sagt Günther Metzen, "aber sehr sympathisch." Dazu noch sportlich, ein Triathlet, der stets im Anzug kam und "immer in Action" war, im Auftrag seiner Kunden: Der 56-Jährige verantwortete das Neugeschäft der Financial Services der BMW Group, der Banktochter des Autokonzerns.

In Mails bedankte er sich für den "dauerhaft netten Kontakt" und unterschrieb mit "herzlichen Grüßen". Heinz N. gab Metzen seine Privatnummer, am Telefon erkundigte er sich nach dessen Frau. Die Schlüssel für ein neues Fahrzeug brachte er persönlich in der Münchner Klinik vorbei, wo Metzen als Arzt arbeitet. "Das war eine Rundumbetreuung", sagt Metzen, der in Wahrheit anders heißt. Am Ende brachte ihn Heinz N. um mehr als 55.000 Euro.

Über mehrere Jahre hinweg soll Heinz N. insgesamt 150 Kunden der BMW Bank beim Kauf und Leasing von BMW-Fahrzeugen betrogen haben. Ein Schaden von drei Millionen Euro soll entstanden sein. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt. Inzwischen sitzt Heinz N. in der Psychiatrie, er gilt als suizidgefährdet. Nachdem er sich im Juni selbst angezeigt hatte, kündigte BMW ihm fristlos. Das Unternehmen weist jede Verantwortung im Fall Heinz N. von sich: "Die Verträge zwischen Herrn N. und den Kunden waren private Verträge und konnten den BMW-Group-Unternehmen nicht bekannt gewesen sein", teilt der Konzern auf Nachfrage mit.

Allerdings stützen die Unterlagen, die der ZEIT vorliegen, den Verdacht, dass der Konzern schon vor Jahren von den Praktiken seines Mitarbeiters wusste oder zumindest etwas hätte ahnen können. Und dennoch wenig tat, um dessen Treiben Einhalt zu gebieten. Mehrere Anwälte bereiten Klagen gegen BMW vor.

Die Opfer von Heinz N. sind fast alle Akademiker, die meisten gut situiert, einige tragen zwei Titel vor dem Namen: Ärzte, Unternehmer, ein Richter, eine Rechtsanwältin, selbst ein Banker ist auf den vermeintlichen Betrüger hereingefallen. Waren sie alle naiv? Oder zu gierig nach den fetten Rabatten, mit denen Heinz N. sie köderte? Oder hat der Manager vielmehr ein raffiniertes System aus List und Lügen aufgebaut, das kaum zu durchschauen war?

Anfang 2011 erzählt ein Patient dem BMW-Fan Metzen während einer Kniebehandlung von seinem Bekannten, dem BMW-Bank-Manager Heinz N. Wenige Wochen später bietet der dem Arzt einen schwarzen allradgetriebenen 5er von BMW an sowie die Aufnahme ins sogenannte "Markenbotschafterprogramm", das VIP-Kunden attraktive Konditionen einräume. Das Modell funktioniert so: Metzen least den 5er bei der BMW Bank für monatlich 1.176,91 Euro und soll 677 Euro zurückbekommen, weil er als Markenbotschafter für BMW angeblich besonders wichtig sei. So versichert es ihm Heinz N. schriftlich. "In den ersten Monaten lief alles reibungslos. Das Geld kam pünktlich auf meinem Konto an", erzählt Metzen. Das ist der Zeitpunkt, als er Heinz N. sein Vertrauen schenkt. Und die Probleme beginnen.

Einige Monate später erkundigt sich Heinz N., welches Auto Metzens Frau fahre. Er habe vielleicht etwas Passendes für sie: einen weißen 3er, Listenpreis 52.680 Euro. Markenbotschafter Metzen bekomme ihn aber für 32.660 Euro, inklusive Transport und Winterreifen. Ein Abschlag von 38 Prozent. Metzen unterschreibt den Kaufvertrag, und spätestens hier hätte er misstrauisch werden müssen. Denn im Vertrag ist nicht BMW als Verkäufer eingetragen, sondern der Privatmann Heinz N. Das Geld fließt auf ein Konto der HypoVereinsbank, Inhaber: Heinz N. Auf Nachfrage erfährt Metzen: Nur wenn der Kauf über den Manager abgewickelt würde, könne er die VIP-Konditionen bei BMW heraushandeln.

Metzen zahlt. Und noch bevor der Wagen ausgeliefert wird, lässt er sich überreden, den Kaufvertrag in einen Leasingvertrag umzuwandeln. Nur so könne er von den "Botschaftersubventionen" profitieren, erklärt Heinz N. Der Kaufpreis werde natürlich zurückerstattet. Das Geld kommt bei Metzen allerdings nie an. Ebenso wenig wie die Subventionen auf das Leasing.

Metzen schöpft noch keinen Verdacht. "N. hatte sehr plausible Erklärungen dafür, warum das Geld garantiert nächsten Monat da sein würde", sagt er heute. Im Herbst 2013 willigt Metzen ein, den 5er, den er bis Sommer des nächsten Jahres geleast hat, frühzeitig gegen ein gleiches Modell mit mehr PS einzutauschen. Für nur 20 Euro mehr im Monat. Das vermeintliche Sonderangebot begründet Heinz N. damit, dass BMW seine Absatzziele in diesem Jahr erreichen wolle. Und gratuliert Metzen per Mail: "Ein schönes Fahrzeug mit einem tollen Motor."

Monate später, im Juli 2014, bekommt Metzen ein Schreiben von der BMW Bank. Der Leasingvertrag über den ersten 5er laufe aus, er solle bitte "für die Rückgabe des Fahrzeugs einen Termin mit Ihrem betreuenden Händler" vereinbaren. Da hatte Metzen den Wagen längst an Heinz N. zurückgegeben.