DIE ZEIT: Frau Narlikar, herzlichen Glückwunsch zur neuen Stelle. Von Cambridge nach Hamburg, das ist eine ungewöhnliche wissenschaftliche Karriere, oder?

Amrita Narlikar: Vielen Dank! Das stimmt. Ich war sehr glücklich in Cambridge, eine großartige Stadt, ein toller Ort, an dem Sie überall wahnsinnig intelligenten Leuten aus allen möglichen Fachbereichen begegnen. Es gibt wenige Orte auf der Welt, die intellektuell so dynamisch sind. Aber ich finde Hamburg mindestens genauso spannend.

ZEIT: Warum?

Narlikar: Einer meiner Forschungsbereiche ist internationaler Handel, darüber habe ich in den ersten Jahren meiner Karriere geforscht – und es interessiert mich immer noch sehr. Für mich ist die Geschichte von Orten sehr wichtig. Wenn ich zu Finanzströmen forschen würde, würde mich vielleicht London interessieren. Aber ich bin auf Handel spezialisiert. Und die Freie und Hansestadt Hamburg ist, historisch gesehen, ein Zentrum des weltweiten Handels. Daher möchte ich auch mehr über die Geschichte der Stadt erfahren – aus der Geschichte kann man oft einiges lernen.

ZEIT: Was denn?

Narlikar: Nehmen Sie beispielsweise die Verträge, die Hamburg und Lübeck vor Jahrhunderten geschlossen haben. Im Prinzip versucht die Welthandelsorganisation WTO mit ihren Handelsabkommen heute nichts anderes. Es geht um die Verbesserung von Infrastruktur, um bessere Sicherheit für Verkehrsnetze. Beim Verhandeln dieser Abkommen hat die WTO in Entwicklungs- und Schwellenländern derzeit massive Probleme, etwa in Indien, wo ich herkomme. Interessant ist hier der Blick in die Vergangenheit: Wie wurden solche Probleme früher gelöst?

ZEIT: Zurück in die Gegenwart, nach Hamburg.

Narlikar: Ich mag die Stadt, weil sie die Wissenschaft mit dem Kommerziellen verbindet, sie ist also eine Wissenschaftsstadt, die fest in der realen Welt verankert ist.

ZEIT: Die Stadt diskutiert gerade, ob sie wirklich eine Wissenschaftsstadt ist.

Narlikar: Wirklich? Interessant! Mein Eindruck ist: Es gibt viele richtig gute Wissenschaftler.

ZEIT: Warum reizt sie das Giga?

Narlikar:Das Giga ist weltweit das einzige Forschungsinstitut, das empirische Antworten auf so manche drängenden Fragen hat. Derzeit herrscht in vielen internationalen Organisationen wie der WTO Stillstand. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass in westlichen Ländern der Glauben weitverbreitet ist, man müsse den aufstrebenden Mächten wie Brasilien, Indien oder China nur einen Platz in den Organisationen anbieten, dann würden sie schon brav danke sagen und machen, was man ihnen sagt. Wenn Sie sich die empirische Forschung anschauen, sehen Sie: So ist es nicht. Die haben ihre ganz eigenen Ideen, Erwartungen, Visionen, die sie in die internationalen Beziehungen einbringen. Das Giga hat ein einzigartiges empirisches Wissen darüber. Ich glaube daher, das Giga kann helfen, Lösungen für die Probleme der Welt zu finden. Und ich möchte Teil dieser Lösung sein.