Wenn man Winterhoff reden hört, kann man live miterleben, wie sich die Lage des Nachwuchses verschlimmert. Zu Beginn des Gesprächs sind 50 Prozent der Schulabgänger "ausbildungsunfähig". Eine halbe Stunde später sind es 50 bis 70 Prozent, am Ende mehr als 70 Prozent. "Es dauert nicht mehr lange, dann haben wir hier Ghettos", sagt Winterhoff. In Deutschland, in Bonn. Beunruhigt blickt der Besucher in den gepflegten Vorgarten.

Als Schuldige macht Winterhoff neben Lehrern und Erziehern vor allem die Eltern aus. Weil sie ihren Kindern alles durchgehen lassen. Weil sie ihre Töchter und Söhne wie gleichberechtigte Partner behandeln. Weil sie mit ihnen eine schädliche "symbiotische Beziehung" eingehen. Viele Jugendliche verharren deshalb auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes, sagt Winterhoff. Wie viele, Herr Doktor? "Wahrscheinlich die Mehrheit."

Nach zwei Stunden – inzwischen ist einem schwindelig von all den katastrophischen Zahlen – neigt sich das Gespräch dem Ende zu. Winterhoff bietet an, man könne gern wiederkommen. Wahrscheinlich lebe der Besucher selbst längst in "symbiotischer Verstrickung" mit seinen Kindern. Er, Winterhoff, habe da eine Therapie entwickelt.

800.000 Bücher hat Michael Winterhoff, der selbst Vater von zwei Kindern ist, in den vergangenen sechs Jahren verkauft. Alle großen Zeitungen und Magazine haben über ihn geschrieben oder ihn interviewt. Er ist der Thilo Sarrazin der Erziehung. Doch anders als Sarrazin trifft Winterhoff kaum auf Widerspruch.

Wo sind sie bloß, die verzogenen Despoten?

Das ist erstaunlich, denn der Erfolgsautor belegt seine Thesen fast ausschließlich mit Beobachtungen aus seiner eigenen Praxis. Er erzählt von einem Mädchen, das sich übergibt, wenn es nicht seinen Willen bekommt, und von einem Jungen, der jedes Zubettgehen zu einem mehrstündigen Drama macht. Das ist etwa so, als schriebe ein Gefängnisdirektor ein Buch über die Moral der Gesellschaft und führte als Nachweis die Verbrechenskarrieren seiner Häftlinge an.

Hätte Winterhoff recht mit seinem Befund, dann müsste man nur irgendeine Schule besuchen, am einfachsten die nächstbeste um die Ecke, und schon würde man das Personal aus seinen Büchern antreffen: die verzogenen Despoten aus Mittelschichtfamilien, die sich nicht bändigen lassen. Die überehrgeizigen Eltern, die Lehrer wegen schlechter Zeugnisnoten verklagen.

Michaelschule heißt die Grundschule, die ein paar Hundert Meter von Winterhoffs Praxis entfernt liegt. Es ist die zweite Stunde, und tatsächlich: Der Lärm aus der 3a dringt bis ins Treppenhaus. Im Klassenraum hocken die Kinder mal zu zweit, mal zu dritt zusammen und brabbeln vor sich hin; ein Mädchen spaziert im Raum herum, obwohl der Unterricht längst angefangen hat.

Dann macht die Lehrerin sich mit einem Gong bemerkbar. "Wer möchte?", fragt sie auf Englisch. Fünf Finger schießen hoch. Nacheinander tragen die Kinder ihre presentation vor, die sie gerade noch einmal mit dem Nachbarn geübt haben. Es ist die Woche vor der Fußball-WM, und die Schüler erzählen von ihrem "favourite player", wie alt er ist, bei welchem Club er spielt. Alles auf Englisch.

"Unsere Kinder sind wunderbar", sagt Christiane Albers. Seit 20 Jahren ist sie Lehrerin, die meiste Zeit davon an der Michaelschule. Große Veränderungen habe sie nicht bemerkt, erzählt sie. Außer vielleicht diese: "Wahrscheinlich können sich die Schüler heute etwas weniger konzentrieren." Eine Schulstunde am Stück nur zuhören, dazu sei kaum ein Kind mehr fähig. Aber so ein Unterricht sei auch wenig sinnvoll.

Dafür können die Schüler andere Sachen besser als früher. In der dritten Klasse Vorträge auf Englisch halten. Oder herausfinden, woran man in verschiedenen Religionen glaubt. Albers breitet eine Rolle Plakatpapier auf dem Tisch aus. Bilder von Männern mit Kippa aus dem Internet, selbst geschossene Fotos der Bonner Synagoge, daneben handschriftliche und gedruckte Erläuterungen.

Die Kinder hatten die Aufgabe, gruppenweise eine Facette des jüdischen Glaubens zu recherchieren und den anderen auf einem Poster vorzustellen. Sie selbst habe so etwas als Schülerin auch gemacht, sagt Albers. "Aber frühestens in der Siebten."

Allgemeine Disziplinlosigkeit? Ganze Klassen, die über Tische und Bänke toben? Kennt man an der Michaelschule nicht. "Wir können über das Sozialverhalten unserer Kinder nicht klagen", sagt Christiane Albers. Für einen Beobachter ist es geradezu erstaunlich, über wie viel Selbstdisziplin achtjährige Schüler heute verfügen müssen, wenn sie sich beim sogenannten Stationenlernen nicht nur eigenständig mit Aufgaben versorgen, sondern auch in Eigenregie ihre Fehler kontrollieren.

Ein paar Straßen weiter und eine Schulform höher. "Die Grundschulen bereiten die Kinder in der Regel sehr gut vor", sagt Thomas Harth, Leiter des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums (EMA). Seine Schule, die nach außen den Charme der fünfziger Jahre ausstrahlt, übt den Spagat zwischen Erneuerung und Tradition. In dieser Woche hat die Schülervertretung den Unterricht am EMA übernommen. Thema der Projekttage: Gesundheit.

Kinder flitzen mit geliehenen Rollstühlen durch die Gänge, im Chemielabor kochen Schüler Slow Food, im Klassenraum daneben diskutieren sie die Risiken von Smartphones. Sie sprechen vom "Urheberrecht" und vom "Suchtfaktor". Sie erklären, wie die Überwachung durch die NSA funktioniert ("Das geht mit Suchwörtern und Filtern"). Sie besuchen die fünfte und sechste Klasse.

Als wortgewandt, zielstrebig und "sehr fokussiert" beschreiben die Pädagogen des Gymnasiums ihre Schüler. Auf die Frage, was die Kinder schlechter können als frühere Generationen, müssen die Lehrer überlegen. Rechtschreibung, lautet die Antwort meist. Mit den Endzeitprophezeiungen des Bestsellerautors aus ihrer Nachbarschaft können sie nichts anfangen.

Die Michaelschule und das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium sind nicht repräsentativ. Wer wissen will, ob die Untergangsszenarios, die den Diskurs prägen, zutreffend sind oder nicht, muss fragen: Wie geht es der großen Masse der Kinder in diesem Land? Die Antwort ist: Immer besser. Man findet sie nicht nur an den beiden Schulen in Bonn. Sondern auch in Umfragen und Statistiken.

Vor einigen Wochen erschien die neue Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert Koch-Instituts, die größte Datensammlung zu diesem Thema. Danach schätzen 94 Prozent der Eltern die körperliche und seelische Verfassung ihrer Kinder als gut oder sehr gut ein. Die Kinder selbst sehen das zu 88 Prozent genauso.

Kinderkrankheiten sind dank Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen schon lange auf dem Rückzug. Zwar gibt jeder sechste junge Deutsche eine chronische Erkrankung an, oft handelt es sich um Heuschnupfen. Aber die meisten Kinder können damit ein normales Leben führen. Vor allem: Zum wiederholten Mal widerlegt wird die These, dass Kinder sich kaum noch bewegen. Zusätzlich zum Turnen in Kita oder Schule treiben 78 Prozent von ihnen Sport, knapp zwei Drittel sind sogar im Verein.

Auch die Seelennot hat sich nicht verschlimmert, weder in den vergangenen Jahrzehnten noch in jüngster Zeit. Etwa 20 Prozent der Kinder zeigen psychische Auffälligkeiten: Sie können sich nur schlecht konzentrieren, haben häufig Ängste oder Probleme, Freunde zu finden. Diese "Risikokinder" leiden jedoch nicht alle unter einer mentalen Störung. Das wäre so, als würde man von einem Schnupfen automatisch auf eine Grippe schließen. "Wir weisen immer wieder auf den Unterschied hin", sagt Studienleiterin Heike Hölling vom Robert Koch-Institut. Leider steht es später doch wieder anders in vielen Zeitungen. "Therapie statt Spielplatz", heißt dann die Überschrift.

Martin Dornes, der Frankfurter Psychologe, zitiert in seinem Buch einen Aufsatz des Arztes Gustav-Adolf von Harnack, der in Hamburg 1.300 Kinder untersucht hat. 17 Prozent der Zehnjährigen litten unter Einschlafproblemen und Kopfschmerzen, 27 Prozent unter häufigem Erbrechen und Schwindel. Jedem vierten Jungen attestierten die Lehrer eine schlechte Konzentrationsfähigkeit, 16 Prozent störten gar permanent den Unterricht. Als völlig gesund gingen nur 39 Prozent der Kinder durchs junge Leben.

Von Harnack nennt auch die öffentlich diskutierten Gründe für die Symptome: "Reizüberflutung", "Beschleunigung", "eine verplante Kindheit", den "Autoritätsverlust der Eltern" sowie natürlich die Medien. Computer waren damit allerdings nicht gemeint. Dafür "Comic Books und illustrierte Zeitschriften". Schließlich stammt die Studie mit den bedenklichen Befunden aus dem Jahr 1958. In einem anderen Aufsatz von 1954 geißelt ein Kollege von Harnacks die Schwererziehbarkeit als neues Zivilisationsproblem: Zu keiner Zeit habe man so viele "kleine Tyrannen" gesehen.