Ist es möglich? Ja, es ist. Am Dach der größten Moskauer Buchhandlung hing dieser Tage ein riesiges Plakat, das nicht Werbung für Bücher machte, sondern gegen Putin-kritische Künstler hetzte. Zu sehen waren mehrere Gesichter, unter ihnen die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, der Krimiautor Boris Akunin und Andrej Makarewitsch, der legendäre Gründer der Rockband Zeitmaschine, die schon in der Sowjetunion so populär war wie in England einst die Beatles. Verantwortlich für die Hetze ist die Künstlergruppe Glavplakat. Sie versteht sich als verlängerter Arm des Kreml und kämpft mit Polit-Happenings an der geistigen Heimatfront. Schriftsteller, Rockstars, Intellektuelle, Journalisten – jeder, der Putin Widerworte gibt, kommt an den Pranger. "Fremde unter uns" heißt die Aktion, mit der Glavplakat auf Dissidentenjagd geht und Putin-Kritiker als fünfte Kolonne des Feindes beschimpft.

Glavplakat ist kein Einzelfall. Im Internet kursieren Listen mit den Namen von "Nationalverrätern", "Feinden des Vaterlandes" und "Handlangern des Faschismus". Die Stoßrichtung von Häme und Hass ist stets dieselbe. Die Künstler seien nicht auf Linie, genauer: Sie stünden nicht, wie es sich gehört, in Treue fest auf der Seite von Staat und Volk, sondern 173 aufseiten des Westens und seiner gottlosen Kultur. Sie seien Verräter. Fremde also.

Denkt man die Moskauer Denunziation zu Ende, dann ist die Trennung von Kunst und Politik eine teuflische westliche Erfindung und muss rasch beseitigt werden. Auch Putins Idee vom eurasischen Reich weist in diese Richtung, sie hat etwas Feudalistisches: Der Künstler soll nicht "draußen" in der Gesellschaft, er soll wieder am Hof der Macht seinen Sitz haben. Politiker, Schriftsteller, Maler, Musiker und Intellektuelle, für Putin sind sie Gesamtarbeiter am russischen Mythos. Sie geben seiner ewigen Wahrheit eine zeitgenössische Form und tauchen den ruhmreichen Fürsten in goldenen Glanz.

Es zeugt von westlichem Hochmut, Putins Traum von einer Ästhetik des Staates für einen russischen Sonderweg zu halten, für eine gefährlich sentimentale Verirrung aus dem zaristischen Jahrhundert. Nein, das Verlangen nach einer Einheit aus Ästhetik und Politik gehört auch zum Tiefencode liberaler Gesellschaften, man lese nur Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen. Und heute sind es die europäischen Rechtspopulisten, die ihren Wählern eine wieder "volksnahe" Kunst versprechen – statt einer belanglosen kapitalistischen Avantgarde, die auf dem Markt ihre Seele verkauft habe. Die Liberalismuskritik kommt überall zurück, und sie kommt von rechts. Putin geht nur schon einmal voran.