Schon im Weg zur Knechtschaft stand zu lesen, dass gesellschaftliche Konflikte letztlich durch die Macht von Ideen entschieden werden. Hayek war sich sicher, dass die Neoliberalen diese Auseinandersetzung nur durch die gezielte Beeinflussung der öffentlichen Meinung für sich entscheiden könnten. So kam es über die kommenden Jahrzehnte zur Bildung eines immer größeren Netzwerks von Forschungsinstituten, Thinktanks und Gesellschaften, die als Sprachrohre des Neoliberalismus fungierten. Den Auftakt bildete die 1947 auf Hayeks persönliche Initiative hin gegründete Mont Pelerin Society, deren Bedeutung für die Verbreitung neoliberaler Vorstellungen kaum zu überschätzen ist und die bis heute eine Art neoliberale Internationale darstellt. Doch ohne den Weg zur Knechtschaft wäre es möglicherweise nie dazu gekommen, denn Hayek hatte jahrelang vergeblich nach einem Geldgeber für die geplante Gesellschaft gesucht, bis sich 1946 endlich der Volker Fund zur Finanzierung des Gründungstreffens bereit erklärte. Der Amerikaner Harold Luhnow, der die Gelder des Fonds verwaltete, hatte bei einem der Vorträge Hayeks im Jahr zuvor im Publikum gesessen.

Als öffentlicher Intellektueller äußerte Hayek sich immer seltener zu ökonomischen Spezialfragen und widmete sich stattdessen verstärkt der Bedeutung des Zusammenhangs von Recht, Staat und Demokratie für eine funktionierende Marktwirtschaft. Denn entgegen dem verbreiteten Klischee lässt sich das neoliberale Denken Hayeks, wie auch etwa das der deutschen Ordoliberalen Walter Eucken oder Wilhelm Röpke, kaum auf einen rein ökonomistischen Marktfundamentalismus reduzieren. Im Weg zur Knechtschaft hatte sich Hayek von einer Politik des reinen Laisser-faire abgegrenzt und deutlich gemacht, dass der Staat letztlich als Ordnungsinstanz zur Durchsetzung gesellschaftlicher Regeln unverzichtbar sei, ja in dieser Funktion sogar noch gestärkt werden müsse. Das warf die Frage auf, wie und wo überhaupt die Linie zwischen notwendigem und schädlichem Staatshandeln zu ziehen sei. Die verschiedenen Strömungen des Neoliberalismus haben darauf unterschiedliche Antworten gegeben. Doch ein zentrales Motiv, das sich in den meisten Variationen des neoliberalen Denkens und auch bei Hayek findet, ist die Problematisierung der Demokratie: Sie wird als hauptverantwortlich für die Aufblähung des staatlichen Aufgabenportfolios gesehen und damit – gemäß der These der schiefen Ebene – als indirekte Geburtshelferin des Totalitarismus.

Hayek ging davon aus, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nach finanziellen Wohltaten oder staatlichen Eingriffen zum Schutz vor den Härten des Kapitalismus rufen würden – und dass Politiker unter demokratischen Bedingungen diesen Wählerwillen kaum ignorieren könnten, weil sie an ihrer Wiederwahl interessiert seien. Um den Politikern entsprechende Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, müsse jedoch der Staat immer mehr Kompetenzen an sich ziehen und sich als allzuständig für jegliches Problem einer Gesellschaft erklären. Das Resultat seien kostenträchtige staatliche Maßnahmen, verbunden mit einer ständig steigenden Anspruchshaltung der Bevölkerung – das Problem aber sei damit selten gelöst.

Was also tun? Hayek hoffte, dass sich der demokratische Aktionismus mit seinen Eingriffen in die Wirtschaftsprozesse vor allem durch eine Stärkung des Rechtsstaates auf der Grundlage strenger allgemeiner Gesetze eindämmen ließe. Darüber hinaus machte er sich Gedanken darüber, wie der parlamentarische Gesetzgeber stärker von gesellschaftlichen Einflussnahmen entkoppelt werden könne. Jede Alterskohorte soll demnach nur einmal im Leben aus ihrer Mitte Volksvertreter bestimmen, die 15 Jahre im Amt verbleiben, nicht wiedergewählt werden können und danach eine staatliche Anstellung oder Rente erhalten. Unter diesen Umständen sollte keinerlei Anreiz bestehen, den Forderungen von Partikularinteressen nachzugeben, und das Problem des gesellschaftlichen Lobbyismus wäre gelöst – allerdings um den Preis der Verwandlung der Legislative in eine Art Areopag, einen höchsten Rat, der jeglicher demokratischen Kontrolle und Rechenschaftspflicht enthoben ist.

Die sich hier abzeichnende autoritäre Tendenz, der man nicht nur an einer Stelle im politischen Denken des Neoliberalismus begegnet, sollte auch beim ersten Versuch der Umsetzung neoliberaler Reformen genau dreißig Jahre nach der Veröffentlichung von Der Weg zur Knechtschaft eine wichtige Rolle spielen: Der Schauplatz war die chilenische Militärdiktatur unter Augusto Pinochet.

Schon Jahre vor dem Putsch 1973 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende war das Economics Department in Chicago eine Partnerschaft mit der katholischen Universität in Santiago eingegangen. Aus dieser Kooperation ging eine Vielzahl chilenischer Wirtschaftswissenschaftler hervor, deren wirtschaftspolitische Vorstellungswelt von den Ideen neoliberaler Großdenker der Chicago School wie etwa Gary Becker oder Milton Friedman geprägt war. Jene berühmt-berüchtigten Chicago Boys begannen schon am Vorabend des Staatsstreichs gegen die Allende-Regierung mit der Zusammenstellung eines Katalogs von wirtschaftspolitischen Maßnahmen – ein 189-seitiges Buch, genannt The Brick –, deren Umsetzung zunächst nur langsam vorankam, aber von 1975 an volle Fahrt aufnahm: Man privatisierte die Altersvorsorge, liberalisierte den Handel, reduzierte die Ausgaben im öffentlichen Sektor drastisch und verteilte sogenannte Bildungsgutscheine zur freien Schulwahl, eine von Friedmans Lieblingsideen.

Dass das erste Experimentierfeld des real existierenden Neoliberalismus das Gegenteil eines demokratischen Rechtsstaats war, bezeichnet für seine Gegner eine Art Ursünde des Neoliberalismus, der hier schon früh sein wahres Wesen offenbart habe. Die Befürworter bemühen sich dagegen, die Bedeutung der Militärdiktatur für die Umsetzung neoliberaler Reformen zu bagatellisieren: Es sei ein Mythos, dass sich neoliberale Reformen nur durch eine Militärjunta unter massiver Repression der Bevölkerung durchführen ließen, beteuerte schon Friedman zur Verteidigung seines Engagements in Chile.