Gestochen scharf sind die Bilder der Landschaft, wie sie kein Mensch je zuvor gesehen hat. Über einem zerklüfteten Abhang thront eine sanfte Ebene. Weiter geht der Blick über ein staubiges Tal auf das gegenüberliegende Kliff. "Das ist mein Lieblingsplatz", sagt Holger Sierks vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen. Der schmächtige Mann mit dem Kurzhaarschnitt leitet ein Team aus 80 Forschern. Zusammen hatten sie die Osiris-Kamera entwickelt, mit der diese Aufnahme gemacht wurde. Es ist kein irdisches Panorama, sondern die Oberfläche des Kometen Tschurjumow-Gerasimenko. 400 Millionen Kilometer von der Erde entfernt rast er in Richtung Sonne, seit Anfang August begleitet ihn die europäische Raumsonde Rosetta dabei.

Osiris ist nur eines von 20 wissenschaftlichen Instrumenten an Bord der Sonde. Auch in der Kometenwissenschaft sagen Bilder mehr als tausend Worte. Und so war es Sierks, der den größten Applaus bekam, als er am Montag in Lissabon 700 Planetologen seine Fotos präsentierte. In dieser Woche treffen sie sich zu ihrer Jahrestagung.

Bilder können auch trügen. Sie scheinen uns Felsbrocken, ausgetrocknete Flussbetten, Vulkankrater zu zeigen. Sierks selbst fühlt sich an die Steilküsten seiner Heimat Schleswig-Holstein erinnert. "Ich hoffe, dass uns die irdischen Analogien nicht den Weg zur Erkenntnis verbauen", sagt der Chef-Kameramann. Denn die zerklüftete Oberfläche hat wohl eher die Konsistenz von Pulverschnee als von Fels. "Könnte man sich hineinsetzen, würde es sich wie eine zerwühlte Bettdecke anfühlen", sagt Fred Goesmann, Chef eines weiteren Rosetta-Instruments, "das macht eher pluff als plonk."

Kometen sind ganz außergewöhnliche Himmelskörper. Als Schicksalsboten werden sie seit Jahrtausenden genau beäugt. Dass ihr gut sichtbarer, bis zu hundert Millionen Kilometer langer Schweif nur von einem winzigen Kern ausgeht, ist erst seit 1986 erwiesen. Damals hatte die europäische Giotto-Sonde verwaschene Bilder eines pockennarbigen, kartoffelförmigen Klotzes zur Erde gefunkt – vom rasend schnellen Vorbeiflug am Halleyschen Kometen.

Noch heute arbeiten Wissenschaftler mit den Daten von damals. Kometenmissionen sind kompliziert, teuer – und selten. Zwischen 2001 und 2010 gelang es der Nasa nur, vier weitere Schweifsterne aus der Nähe zu beobachten. Wobei Nähe einen Abstand zwischen 250 und 2.000 Kilometern bedeutete und das Beobachten Sekundenbruchteile kurz war, denn die Sonden sausten mit mehreren Zehntausend Stundenkilometern an ihrem Ziel vorbei.

Erstmals hat jetzt Rosetta einen Kometen eingeholt. Es ist eine der ehrgeizigsten – und mit Kosten im zehnstelligen Bereich auch teuersten – Missionen der europäischen Raumfahrt. Zehn Jahre hat die Reise von 6,4 Milliarden Kilometern gedauert. Viermal musste die Sonde um die Sonne kreisen, dreimal von der Erde und einmal vom Mars zusätzlichen Schwung holen, bis sie Anfang August zu Tschurjumow-Gerasimenko aufschloss. Ein Team im Darmstädter Esa-Kontrollzentrum navigiert den Kundschafter seitdem mit komplizierten Manövern um den Kometen herum. Denn dessen nur zweieinhalb mal vier Kilometer kleiner Kern erzeugt viel zu wenig Anziehungskraft für eine stabile Umlaufbahn.

Kometen sind schmutzige Schneebälle. Mikrogravitation hält sie zusammen

Inzwischen schwebt die Sonde nur noch 50 Kilometer über der zerklüfteten Oberfläche des Kometen. Dessen äußere Form ist ungewöhnlich. Anders als alle zuvor beobachteten Kometen besteht Tschurjumow-Gerasimenko aus zwei durch einen schmalen Hals verbundenen Teilen. "Und je dichter wir rangehen, desto vielfältiger werden die Bilder", sagt Holger Sierks. Auf seiner rund ein Quadratkilometer großen Lieblingsterrasse hat das Osiris-Team 330 meterhohe Klötze gezählt. "Wie kommen die dahin?", fragt Sierks ins Auditorium der Lissabonner Konferenz, "und woraus bestehen sie?" Keiner der Planetologen hat eine Antwort parat. Unklar ist auch der Ursprung der vielen kreisrunden Vertiefungen. Vulkankrater können es nicht sein, der Komet ist eiskalt, minus 53 Grad Celsius ist die höchste bisher gemessene Oberflächentemperatur.

Kometen sind "schmutzige Schneebälle": Mischungen aus Staub und Eis, die nur locker von Mikrogravitation und Molekularkräften zusammengehalten werden – viel mehr wusste man nicht. Rosetta wird dieses Bild enorm erweitern. Schon jetzt hat sie weit mehr Daten gesammelt als alle früheren Kometenmissionen zusammen.

70 bis 80 Prozent des Kerns bestehen wohl: aus Nichts

In Lissabon können sich die Teams erstmals über Ergebnisse ihrer 20 wissenschaftlichen Instrumente austauschen. Die Kamerabilder entfalten die stärkste Wirkung. Was sie bedeuten, erschließt sich erst im Abgleich mit den sehr viel abstrakteren Einsichten aus der Beobachtung von Spektrallinien, Plasmen oder Mikrowellen. So vermessen Fabrizio Capaccioni und seine Leute über die Infrarotabstrahlung des Kometen dessen Temperatur. "Sie sinkt sehr schnell, wenn ein Punkt in den Schatten gerät, um mindestens vier Grad pro Minute", sagt der Astrophysiker und folgert: "Das Material muss ein schlechter Wärmeleiter sein, wahrscheinlich ist es sehr porös." 70 bis 80 Prozent des Kerns bestehen wohl: aus Nichts.

Es gibt Streit darum, in welche Richtung der Satellit spähen soll

Martin Hilchenbach hat mit seinem Team einen Massenspektrografen konstruiert, um Kometenstaub aus dem Schweif einzusammeln und seine Zusammensetzung zu analysieren. Schon Anfang August ist ihm etwas in die Falle gegangen. Überraschend groß und kantig ist das Staubteilchen, von dem er in Lissabon ein Foto zeigte. Woraus es besteht, konnte er noch nicht sagen, der Rechner des Geräts war abgestürzt.

Inzwischen läuft er wieder. Auch alle anderen Instrumente an Bord von Rosetta funktionieren. Nur die Steuerdüsen machen Problemchen. Insgesamt ist das Rendezvous mit dem Kometen bisher ausgesprochen erfolgreich verlaufen. Und das, obwohl zu Beginn der heißen Phase der langjährige Projektleiter Gerhard Schwehm in Rente ging und die leitende Projektwissenschaftlerin Rita Schulz abgesetzt wurde.

Die wissenschaftliche Leitung hat jetzt Matt Taylor übernommen, ein an Armen und Beinen tätowierter Brite mit Show-Talent. In Lissabon schwärmte er in Tarnfarben-Shorts und roten Turnschuhen von Rosetta als der "sexiest mission ever". Seine Vorgängerin, die erste Frau in einer Esa-Führungsposition, so heißt es unter Kollegen, habe sich gegen die beteiligten Wissenschaftler mit all ihren konkurrierenden Interessen nicht durchsetzen können.

Streit gibt es erstens immer wieder um die Blickrichtung des Satelliten, zweitens um die Verteilung der knappen Beobachtungszeit und die Bandbreite für den Forschungsdatenfunk zur Erde. "Wenn alle gleichermaßen unzufrieden sind, war ich erfolgreich", sagt Taylor. Besonders groß wird das Gedrängel, wenn Mitte November ein waschmaschinengroßes Landegerät (Philae) auf dem Kometen abgesetzt werden soll. Falls es nicht über ein Kliff purzelt oder in einem Loch versinkt, wird es mengenweise Daten liefern.

Gleichzeitig wird der Komet immer aktiver. Derzeit schleudert Tschurjumow-Gerasimenko jeden Tag etwa 25 Tonnen Staub und Gas hinaus in seinen Schweif, noch näher an der Sonne könnte es in einigen Wochen das Hundertfache werden. Das Material stammt vor allem aus den Steilwänden – manche werden wohl zusammenbrechen. "Der Radius des Kometen wird um mehrere Meter schrumpfen", sagt Sierks voraus. An besonders aktiven Stellen kann die Oberfläche sogar um Dutzende Meter absacken, vor allem auf der Rückseite. Dort erwarten die Forscher die größte Aktivität. Doch diese 15 der insgesamt 50 Quadratkilometer Kometenoberfläche liegen bislang im Schatten und, weil es dort an jeglichem atmosphärischen Streulicht mangelt, in absoluter Dunkelheit. Sierks sagt: "Das ist die große Unbekannte." Erst im August 2015 werden die ersten Sonnenstrahlen Licht auf dieses Geheimnis werfen.