Was gab es nicht im letzten US-Buchsommer für einen Hype um Tao Lins Taipeh. War der Veröffentlichung bereits ein hochpreisiges, öffentlichkeitswirksames Wettbieten um die Rechte vorausgegangen, gerieten nahezu alle Rezensenten in begeistertes Schnappatmen anlässlich der Lektüre. Nicht näher ausgeführte Vergleiche mit Hamsun, Hemingway und Musil wurden in Anschlag gebracht, Miranda July befand, der Roman sei "berührend und notwendig", und selbst der sonst eher zurückhaltende Frederick Barthelme bescheinigte dem jungen Kollegen eine "ultra-hochaufgelöste Selbstwahrnehmung". Solche Begeisterungsstürme sind nur schwer nachzuvollziehen nach der Lektüre des nun auf Deutsch vorliegenden Textes, dessen Klassifizierung als Roman höchstens als verlegerischer Automatismus erklärt werden kann.

Knappe 300 Seiten driftet man mit dem schriftstellernden Hipster Paul durch 18 ereignisarm verlebte Monate: In einer halbgaren Prozedur trennt er sich von seiner Freundin Michelle, danach liegt er einige Monate auf seiner Yoga-Matte und schaut Videos im Internet. Oder er steht an den Rändern irgendwelcher Partys in Williamsburg, "während er sich im Geiste auf seiner Yoga-Matte liegen sah, sein MacBook auf der abschüssigen Seite seiner Schenkel ruhend, und Internetseiten ansah." Später kommt Paul mit der Jungschriftstellerin Erin zusammen, heiratet sie in Las Vegas, worauf sie gemeinsam seine Eltern in Taipeh besuchen, nur um sich irgendwann wechselseitig Depressionen zu diagnostizieren, was mit dem niedrigen Serotoninspiegel nach zu viel MDMA zu tun haben mag.

Leider geht der dünne Plot mit einer haltlosen Erzählökonomie einher; wahlweise hätte man 80 Seiten streichen oder anpappen können, ohne dem Charakter des strukturlosen Textes Gewalt anzutun.

Doch kommt man um Taipeh als Phänomen nicht herum. Immerhin ist Tao Lin neben der Künstlerin Miranda July und Fernsehfrau Lena Dunham ( Girls) der populärste Vertreter einer neuen Aufrichtigkeit, der New Sincerity, die nach einer authentischen Haltung sucht, indem sie den ironisch-ästhetisierten Blick der Postmoderne annulliert und, nun ja, die Langeweile zum ästhetischen Programm erhebt. Deshalb dokumentiert Paul jede noch so kleine Gefühlswallung, millisekundenkurze Gesichtsbewegung und jedes Magengrummeln. Er registriert, katalogisiert, interpretiert und verbalisiert unaufhörlich in einem hypersensuellen Modus der Gegenwartsvivisektion, die natürlich nur leichte Stimuli verarbeiten kann. Nicht auszudenken, wie viel Textseiten Tao Lin für ein terrabyteschweres Emotionenpaket einer existenziellen Erfahrung brauchte!

Stattdessen breitet Paul seitenlang aus, wie massiv Erins schmutziger, roter Rucksack zwischen den beiden steht. Oder er konsumiert, literaturgeschichtlich nicht unbedingt neu, reihenweise Tylenol, Percocet, Xanax, Kokain, Rivotril, Ecstasy, Seroquel, Ketamin und Oxycodon, allerdings nicht mit dem neugierigen Drop-out-Pathos der Beats oder anderer gegenkultureller Strömungen. Paul muss einwerfen, um aus dem Gären seines Organismus’ Stoff für neue Notate zu ziehen, womit er auf recht traurige Weise seine Rauscherfahrungen mit Blick auf einen ökonomischen Mehrwert angeht. Besonders deutlich macht das eine eindrücklich-abgeschmackte Passage, in der Erin und Paul mit einem befreundeten Pärchen X-Men im Kino schauen, auf Heroin, nicht gerade als Wellnessdroge bekannt. Dabei kommunizieren sie ausschließlich über Twitter, "um das Erlebnis ›spaßiger und interessanter‹ zu machen". Spaßig ist das allenfalls durch die Überzeugung der vier, in einem techno-avantgardistischen Sinne etwas künstlerisch Wertvolles zu schaffen, was in kruder Metakommunikation wie "Du solltest aufhören, darüber zu reden, und es stattdessen twittern" kulminiert. Der Wert dieses stark an Fear and Loathing in Las Vegas gemahnenden literarisch-performativen Experiments bleibt ansonsten recht überschaubar – "im taxi zum kino, ›schon‹ zweimal gekotzt #xmenlivechat".

Apropos Las Vegas. Man könnte, dem Programm der New Sincerity zum Trotz, viele der Unzumutbarkeiten in diesem Buch als Ironisierungen plausibilisieren. Leider lässt sich das Gegenteil belegen durch unzählige Blog-Einträge des Autors, der die Figur Paul natürlich ganz nah an der eigenen Person konzipiert hat – auch das ein Charakteristikum der neuen Aufrichtigkeit. Die Perspektive der ebenfalls sehr mitteilungsfreudigen Megan Boyle, die als inzwischen ehemalige Mrs. Lin die Vorlage für Erin gegeben hat, findet sich ebenso online wie das trostlose Video ihrer Hochzeit in Las Vegas. Nur ein Beispiel dafür, wie stark die New Sincerity in der exhibitionistischen Kultur des Netzes verankert ist.

Es muss sich wohl um etwas radikal Zeitgenössisches handeln

Im Falle von Tao Lin kommt hinzu, dass die Vermessung der Langeweile offensichtlich mit dem Zwang korreliert, gerade Satzstrukturen durch möglichst viele Nebensätze und Appositionen in Schachtelsyntax zu transformieren, um den Text zu dynamisieren. Was aber das Gegenteil bewirkt.

Kurz: Taipeh ist eine verquatschte, enervierende Lektüre. Als Phänomen allerdings sollte man das Buch ernst nehmen. Denn die diffus begeisterten Besprechungen zeigen ja eines: dass niemandem ein rechter Zugriff gelingen will. Als ob Taipeh ein Klumpen unbekannter Materie wäre, von der man lediglich weiß, dass es sich um etwas radikal Zeitgenössisches handelt. Durch Lins Schreibweise mit ihren flackernden, unsteten Wahrnehmungsmustern schimmert das Mindset einer im Bildschirmlicht aufgewachsenen Generation. Doch trotz eines inflationären Gebrauchs von Adjektiven gelingen ihm manchmal auf diesem Wege starke Bilder – wie jenes von Manhattan, "das Paul wie ein riesenhaftes, unfertiges Kreuzfahrtschiff vorkam, das von Tausenden verschiedener, nicht in Verbindung stehender Organisationen auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt worden war".

Tatsächlich funktioniert Taipeh, in Dosen genossen, einigermaßen. Wie einen kurzen Clip klickt man eine Passage an und spielt diese als Prosaminiatur ab. Und vielleicht hat der Leser von morgen ja immer mehrere Tabs offen – und in einem läuft dann eben Tao Lin.