Bernhard Pörksen: Wir sehen gegenwärtig permanent Bilder von Verletzten und Toten: palästinensische oder israelische Opfer, Verletzte aus der Ukraine, sogar Enthauptungsvideos der Isis-Terroristen. Der Tod ist Dauergast in den Nachrichtensendungen der Welt. Welchen Effekt hat die geballte Gewalt für den eigentlich unbeteiligten Zuschauer?

Friedemann Schulz von Thun: Er bekommt es mit der Angst zu tun: Die Erde wird zu einem Ort der Bedrohung, und die Einschläge kommen näher. Wir Menschen sind aber auch Weltmeister in der Angstabwehr! Vielen wird es gelingen, die Grausamkeiten und Schreckensbilder nicht allzu nah an sich herankommen zu lassen. Das kann bis zur Abstumpfung gehen, als Mittel, der eigenen Verstörung zu entgehen.

Pörksen: Können die Bilder der Gewalt auch ein Endlichkeitsbewusstsein wecken? Die Metabotschaft des Horrors wäre dann: uns zu konfrontieren mit der Brüchigkeit unserer eigenen Existenz.

Schulz von Thun: Das denke ich nicht, nein. Diese Bilder können zwar ein Gefühl von Urgeborgenheit erschüttern. Aber das Endlichkeitsbewusstsein bleibt uns – unabhängig vom Extremereignis des Krieges – auch im Alltag nicht erspart. Auch ohne die derzeitige Nachrichtenlage ist uns bewusst, dass wir sterben müssen.

Pörksen: Sie selbst haben Ihr Leben lang über Kommunikation geforscht. Sie haben sich mit dem Weiterleben und Weiterreden beschäftigt. Die Prämisse war stets, dass man – lebendig und gesund genug – sprechen kann. Eigentlich muss Ihnen aus dieser Perspektive der Tod als ein Skandal erscheinen.

Schulz von Thun: Das hängt von der jeweiligen Weltsicht ab, vom existenziellen Selbstverständnis. Wenn ich mich als Krönung der Schöpfung begreife und vielleicht ein wenig narzisstisch begabt bin, dann ist der Tod eine maximale Kränkung. Wenn ich mir aber vor Augen halte, dass mein Leben überaus qualvoll sein kann, kann der Tod Erlösung bedeuten – eine Art Lebensversicherung, dass die Qual nicht ewig dauert. Vielleicht werde ich ihn dann wie einen guten Freund empfangen, mit der Aussicht auf gnädige Sterbehilfe? Und wenn ich mir vor Augen halte, dass ich nur Glied einer Kette bin – zwischen denen, die vor mir waren, und denen, die nach mir kommen –, dann ist es sinnvoll, Platz zu machen.

Pörksen: Und doch ist es nur zu verständlich, den Tod als Feind zu betrachten. Er bleibt, allen Tröstungsversuchen von Religion und Philosophie zum Trotz, ein furchtbares Faktum.

Schulz von Thun: Weil er alles zerstört, was uns lieb ist? Natürlich könnte man mit Arthur Schopenhauer sagen, dass es eine unerträgliche Gemeinheit darstellt, wie unser Dasein konstruiert ist: Zuerst werden wir dazu verführt, uns in das Leben zu verlieben. Und dann, wenn wir uns mit uns selbst befreundet haben, folgt das Todesurteil, das wir immer schon in der Tasche tragen.

Pörksen:Woody Allen sagte scherzhaft melancholisch: "Man hat mich einmal gefragt, ob es mein Traum wäre, in den Herzen der Menschen weiterzuleben, und ich sagte, ich würde gerne in meiner Wohnung weiterleben."

Schulz von Thun: Für mich stellt sich die Frage: Welche Haltung ist dem Tod gegenüber erstrebenswert? Welche Haltung kann es mir erleichtern, mein Dasein zu bejahen, auch wenn es begrenzt ist? Ich antworte mal: Ist nicht der Schlaf auch skandalös? Wir sind nur für eine kurze Stippvisite auf dieser Welt – und dann verpennen wir ein Drittel dieser kostbaren Zeit?! Doch wenn der Tag anstrengend und reich war, ist es wunderbar, in den Schlaf zu gleiten. Und könnte es nicht sein, dass ein erfülltes Leben irgendwann lebenssatte Müdigkeit nach sich zieht?

Pörksen: Aber die Gewissheit, dass ich am nächsten Morgen wieder aufwache, macht das Hin-übergleiten in den Schlaf vielleicht erst schön.

Schulz von Thun: Das stimmt. Hätte ich die Gewissheit, dass auch das Sterben nur der Anfang von etwas Neuem ist, dass ein Erwachen folgt, dann wäre es viel leichter, dieses Gefühl einer köstlichen Müdigkeit zuzulassen und die Augen getrost zu schließen. Leider habe ich diese Gewissheit nicht, und Sie wohl auch nicht.

Pörksen: Nein. Mir erscheint ein solcher Glaube letztlich als der Versuch, sich über eine existenzielle Sinnlosigkeit und eine Unbehaustheit hinwegzutrösten, die wir nicht sehen wollen.

Schulz von Thun: Aber ganz so unbehaust sind wir doch gar nicht. Dass wir beide hier sitzen, dass wir atmen und freundlich miteinander sprechen, zeigt doch, dass wir auf dieser Erde sehr zu Hause sind. Ihre These von einer Sinnlosigkeit trifft mein Lebensgefühl nicht.

Pörksen: Aber am Schluss bleibt doch nur eine Menge Staub.

Schulz von Thun: Ja, am Schluss! Aber indem Sie alles vom Ende her betrachten, laufen Sie Gefahr, den Tod zu dämonisieren und ihm eine Bedeutung zu geben, die das ganze Leben überschattet. Es ist auch eine Entscheidung, ob ich mich von diesem sensationellen Leben beeindrucken lasse oder ob mich das Faktum meiner eigenen Endlichkeit gefangen nimmt. Das wäre doch ein Jammer. Der Tod ist zwar mächtig und bedeutend, aber eines kann er uns nicht nehmen: gelebt zu haben.

Pörksen: Ihr gesamtes Werk, Ihre Kommunikationspsychologie, zielt auf das Miteinander-Reden, das Aushandeln, den Kompromiss. Aber der Tod ist nicht kompromissfähig, sondern endgültig. Insofern wundert mich, dass Sie die Tatsache des Todes nicht sehr viel wütender macht. Er bedroht das Leben und eine Lebenskunst, die den Ausgleich sucht. Er ist existenziell und intellektuell vernichtend.