DIE ZEIT: Die Forderung, eine rasche Steuerreform umzusetzen, ist zum bestimmenden Thema der österreichischen Innenpolitik geworden. Ist das tatsächlich eine derart dringliche und notwendige Maßnahme?

Werner Doralt: Richtig ist, dass sie wünschenswert ist. Im Vordergrund steht jetzt politisch aber mit der Diskussion um Einkommensteuer und Einstiegssteuersatz eigentlich keine Steuer-, sondern eine Tarifreform.

ZEIT: Gibt es dafür überhaupt einen budgetären Spielraum?

Doralt: Den, glaube ich, gibt es nicht. Dann bleibt nur, dass man das auf Pump macht. Da versucht die ÖVP derzeit zu bremsen, aber wenn man sich gleichzeitig weigert, eine Gegenfinanzierung aufzustellen, dann wird nichts anderes übrig bleiben als Schulden. Ich glaube allerdings, dass sich auch im geltenden Steuerrecht einige Reserven angesammelt haben.

ZEIT: In welchen Bereichen?

Doralt: Ich sage immer: Kleinvieh macht auch Mist. Da muss man eben die Einkommensteuer durchforsten. Auch im Grundvermögen stecken enorme stille Reserven.

ZEIT: Wo zum Beispiel?

Doralt: Wir haben hohe Abschreibungen im Grundvermögen, denen kein tatsächlicher Wertverzehr gegenübersteht. Bei Mietgrundstücken ist eine jährliche Abschreibung für Abnutzung von 1,5 bis 2 Prozent möglich, aber der Wert der Immobilie sinkt ja nicht um dieses Ausmaß, sondern steigt vielmehr im großen Durchschnitt. Da könnte man diese Möglichkeit streichen.

ZEIT: Können Sie abschätzen, um welche Summe es sich da handelt?

Doralt: Ich kann nur sagen: um einen gewaltigen Betrag. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht. Machen wir eine einfache Rechnung: Wenn ein Mietobjekt heute ohne Grundanteil einen Wert von zwei Millionen Euro hat, kann man bei nur 1,5 Prozent 30.000 Euro abschreiben. Bei einem maximal vierprozentigen Ertrag erwirtschaftet es 80.000 Euro, versteuert müssen aber nur 50.000 Euro werden. Verliert das Gebäude aber gleichzeitig auch an Wert? Eher das Gegenteil ist der Fall.

ZEIT: Zumindest, was die langjährige Erfahrung betrifft.

Doralt: Ich führe diese Besonderheit an, weil ja auch über die Grundsteuer diskutiert wird. Natürlich gehört die reformiert, gar kein Zweifel. Die Einheitswerte sind nicht nur zu nieder, sondern sie sind auch ungleich verteilt. Nach den letzten Einheitswertfeststellungen in den siebziger Jahren haben sich die Werte der Grundstücke untereinander unterschiedlich entwickelt. Was vor 40 Jahren eine billige grüne Wiese war, ist heute oft ein Vielfaches wert.

ZEIT: Wegen der Umwidmungen?

Doralt: Ja, aber auch durch die Entwicklung der Infrastruktur. Ein Objekt, das früher unattraktiv an der Peripherie von Wien gelegen war, hat heute etwa durch die Anbindung an die U-Bahn ungeheuer gewonnen. Deshalb hebt der Verfassungsgerichtshof auch regelmäßig die Anknüpfung an den Einheitswert auf. Bei der Grundsteuer tut er es nur deshalb nicht, weil er sie wegen des niederen Steuersatzes als Bagatellsteuer einstuft.

ZEIT: Das heißt, die Einheitswerte gehören modernisiert.

Doralt: Das große Versäumnis lag darin, dass man in den siebziger Jahren nicht gleichzeitig beschlossen hat, die Grundsteuer alle zwei Jahre zu valorisieren. Dann hätte man heute das dreifache Aufkommen der gegenwärtig 700 Millionen Euro im Jahr, und niemand würde sich darüber aufregen.

ZEIT: Das ist aber schon mehr als Kleinvieh.