1. Mörderbanden? Oh ja!

Es war nicht der erste Überfall, aber er wurde zur Legende: Die mörderische Attacke auf das Kloster Lindisfarne am 8. Juni 793 gilt als Beginn der Wikingerzeit. Unter anderem dieser Episode an Englands Ostküste verdanken die Wikinger ihren üblen Ruf. Zeugenaussagen überlebender christlicher Mönche erzählen von einem Massaker und der Schändung heiliger Stätten.

Da es keine unabhängigen Quellen zu diesem Ereignis gibt und vieles über die Wikinger erst Jahrhunderte später niedergeschrieben worden ist, lasen in den 1990er Jahren einige Historiker diese Dokumente als Propagandaschriften oder zumindest als tendenziöse Darstellungen der damaligen Gegner. In der Folge begann das Bild von den Wikingern dem zu gleichen, das Runen-Esoteriker zeichneten: Die einst schrecklichen Nordmänner mutierten in der Wahrnehmung der historischen Wissenschaften zu einer Art freundlicher Besatzer.

Mit dem Image sanfter Wesen ist es wieder vorbei: Die vor kurzem eröffnete Ausstellung in Berlin zeigt genügend Belege für die Raubfahrten der Wikingerbanden. "Plötzlich tauchten sie auf, wo niemand mit ihnen rechnete", erzählt Matthias Wemhoff, Kurator und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin. Mit ihren Blitzüberfällen führten sie eine neue Art von Krieg. "Und der Erfolg brachte sie auf den Geschmack." Wie Unternehmer, sagt Wemhoff, hätten Stammesfürsten bei Bedarf Horden zusammengetrommelt und sich dann aufgemacht zum Plündern.

2. Die Wikinger, ein Volk? Nein.

Auch wenn der Name heute für skandinavische Völker und Kulturen der Wikingerzeit steht – gelegentlich sogar als "ethnisches Etikett", wie Gareth Williams vom British Museum bemerkt –, gab es nie ein "Wikingervolk". Allerdings bildeten lose Königreiche und Dorfgemeinschaften die Keimzellen für drei Staaten: Norwegen, Schweden und Dänemark berufen sich auf wikingische Wurzeln.

Ursprünglich handelte es sich vermutlich um gewaltbereite Horden, die mit Schiffen unterwegs waren. Im Altnordischen bezeichnet das maskuline Substantiv víkingr einen Piraten, das feminine víking einen Beutezug. Mit "auf Wiking gehen" waren militärische Aktionen zur See gemeint. Die Vokabeln sind vermutlich Ableitungen des Wortes vik ("Bucht" oder "Meeresarm") – das auch Teil des Stadtnamens Reykjavík ist ("Rauchbucht"). Williams vermutet, dass die ersten "Wikinger" Bewohner einer Bucht gewesen waren. Oder Seeräuber, die sich in Fjorden versteckten und von dort aus Schiffe überfielen.

Der englische Forscher hat auch eine weniger spektakuläre Interpretation parat. Das lateinische Wort vicus (Dorf oder Landgut; altenglisch wic) findet sich in den Namen von Handelsplätzen rund um die Nordsee wieder: in den heutigen Wijk (Niederlande), Quentovic (Frankreich) oder Ipswich (England) und dem früheren Ludenwic (London). Nah am Wasser gelegen, dienten sie dem Güterumschlag. Waren Wikinger etwa freundliche Handelsreisende? "Die Trennlinie zwischen Überfall und Handel ist manchmal verschwommen", schreibt Gareth Williams im Katalog zur Ausstellung. Das zeigt der Umgang mit den Sklaven, die sich die Wikinger bei Überfällen besorgten – und legal verkauften.

3. Diebe? Kapitalisten!

Die Wikinger mehrten mit verschiedenen Strategien ihren Reichtum. Statt immer nur zu plündern, konnte man auch Tribute erheben. Als profitabel erwies sich der Handel mit Luxusgütern, Metallen, Nahrungsmitteln und Sklaven. Mit bis zu 60 Tonnen schweren Frachtkähnen schipperten sie über Meere und entlang der Flussläufe. Ihre Routen erstreckten sich im Norden bis Grönland, im Osten bis zum Kaspischen Meer und im Süden bis nach Konstantinopel und Sevilla. Sie verschoben Walross-Elfenbein und Pelze aus dem Nordatlantik, lieferten Bernstein von der Ostseeküste nach Asien, Schiefer aus der Gegend der heutigen Ukraine nach Norddeutschland und Wein in die Heimat. Haithabu (in Schleswig-Holstein) gehörte zu den wichtigsten Fernhandelsplätzen.

Als Währung dienten Gold, Silber oder Glasperlen. Die Edelmetalle wurden beliebig unterteilt, man tauschte gegen Silbermünzen, Hacksilberstücke, Silberbarren oder standardisierte Schmuckeinheiten. Arm- und Halsreife wurden gezielt so hergestellt, dass man sie bequem in ganze Unzen unterteilen konnte. Mit dem Vermögen behängten die Wikinger ihre Frauen: "Jeder Mann lässt, sobald er 10.000 Dirham beisammenhat, für seine Frau einen Halsreif anfertigen", notierte einst der arabische Schriftsteller Ibn Fadlān, als er über die aus Skandinavien stammenden Bewohner im Großreich Kiewer Rus schrieb.