Man würde meinen, er könnte niemals stürzen. Wie diese Männerfigur da in der Pariser Galerie Kugel auf einem sogenannten Zunftpokal steht, mit erhobenem Hammer, Schlüsselbund und Schwert an der Hüfte! Doch jeder Oberherr muss mal weg. Im von den Memoiren der Valérie Trierweiler erschütterten Frankreich ist diese alte Zunftregel politisch gerade brandaktuell. Und sie gilt auch auf dem französischen Kunstmarkt. Im Sommer erst wurde Christian Deydier, der Präsident des mächtigen Berufsverbands der französischen Antiquare, SNA, gestürzt. Die vorzüglichste Aufgabe des SNA-Präsidenten ist es traditionell, die Biennale des Antiquaires auszurichten, eine der prächtigsten und üppigsten Kunstmessen der Welt. Vergangene Woche war es jetzt unter neuer Führung wieder so weit, Tausende Sammler und Museumskuratoren strömten zu der Messe ins Grand Palais.

Präsident Deydier hatte die Edelmesse vor vielen Jahren aus dem finsteren Carrousel du Louvre in das lichte Palais verlegt und sie zugleich erfolgreich an die Luxusindustrie angeschlossen: Mit Haute Joaillerie etwa von Dior, Bulgari und Cartier und mit Mode-Ikonen wie Karl Lagerfeld lockte er russische und chinesische Neukunden an. Doch der Bling-Bling-Luxus gefällt nicht allen, nun bleiben angestammte Kunsthändler fern, sie stellen lieber auf der Messe Tefaf in Maastricht aus – oder nur noch in ihren eigenen Galerieräumen.

So auch das große Pariser Traditionshaus Kugel. Seine Räume im noblen Stadthotel Collot neben der Nationalversammlung seien kaum durch einen Messestand zu überbieten, sagt Nicolas Kugel. Er hat anlässlich der Biennale – seiner Meinung nach immerhin "ein wichtiger Taktgeber für den Pariser Kunstmarkt" – neben rund hundert anderen Stücken auch den oben beschriebenen Zunftpokal von 1670 mit Oberherrn aus Silbergold, französisch vermeil, bei sich ausgestellt. Den Preis des Stücks will Kugel nicht verraten. Er liegt wohl über 50.000 Euro.

Teurer noch waren da die Diamanten höchster Reinheitsklasse, die auf der Biennale den Besucher an den Ständen von Cartier, Dior oder Chanel blendeten. "Entgegen dem, was uns versprochen wurde, hat man noch mehr Juweliere eingeladen und deren Ständen noch mehr Platz eingeräumt", ärgerte sich darüber Corinne Kevorkian. Ihre Galerie ist auf islamische und nahöstliche Kunst und Archäologie spezialisiert. Auch wenn der nur an Brillanten interessierte Luxusmob an ihrem Angebot auf der Biennale stumpf vorbeitobte – die Galeristin hat viel verkauft. "Es gibt in Frankreich noch immer viele Kenner und Privatsammler, die zur Biennale kommen. Und die Institutionen wissen sowieso, wo sie die besten Stücke finden." Dazu zählen auch bei ihr Schmiedekunstwerke, namentlich ein Flakon aus dem Iran des 6. Jahrhunderts nach Christus, unter der Dynastie der persischen Sassaniden (224 bis 651 nach Christus) entstanden.

Auch Volker Wurster von der Galerie Neuse aus Bremen setzte auf Museumskunden: Auf der Biennale trumpfte er mit einer aus Gold und Silber gearbeiteten Reliquienbüste der heiligen Ursula aus dem 16. Jahrhundert auf, die er für 1,2 Millionen Euro anbietet. Verkaufsverhandlungen mit einem amerikanischen Museum seien im Gange. Glanzstück seines Standes war eine Sonnenuhr, die Ludwig XIV. von François Thiéry für den Prinzen Condé hat fertigen lassen. Die aus einer Schweizer Privatsammlung stammende gravierte Schieferplatte wäre in Frankreich längst als Kulturerbe festgesetzt, die Bremer Galerie aber kann sie für 860.000 Euro anbieten.

Das rege Interesse an Neuses Stand bestätigte den Trend zum 18. Jahrhundert. Möbel und Objekte von Ludwig XIV. bis zum XVI. klettern bei Auktionen über die Millionen-Euro-Marke, der Louvre hat der Epoche des Absolutismus neue Räume spendiert, dessen ehemaliger Leiter für Kunsthandwerk, Daniel Alcouffe, bereitet zusammen mit dem Innenausstatter Patrick Hourcade für Oktober eine Ausstellung in Versailles vor. Der Titel Das Achtzehnte – An der Quelle des Designs benennt ebenso klar das Neue am Trend: Amalgam statt Differenz.

Vorbei ist die Zeit, als Antiquitätensammler auf der Jagd nach kompletten Ensembles waren, vorbei die Zeit historisch präziser Interieurs. Schon lange steht der Louis-XV-Sessel neben dem Philippe-Starck-Stuhl. Heute schämt man sich dafür nicht mehr. Dem kenntnisreichen Expertensammler sind Stilsucher zur Seite getreten. Darauf reagieren Traditionshändler, hängen wie de Jonckheere auffällig weiße zerschlitzte Leinwände von Lucio Fontana an den Eingang, vor denen sich die alten Meister in ihrem Angebot noch stärker abheben. Fontana gehört wie Günther Uecker oder Miró zu den viel gezeigten Künstlern der Biennale. "Die gehen immer", erklärt Jacques de la Béraudière aus Genf, der Lunaris, ein transparentes Gemälde von Picabia "aus einer spanischen Privatsammlung" von 1928, mitgebracht hat. Die große Arbeit auf Holz soll zwei Millionen Euro kosten.

Der zweite Trend aus Paris: Stammeskunst ist überall. Auf der Biennale lockten Nagelfetische an den Stand der Pariser Galerie Dulon. Speziell der große Nkissi Nkondi der Bakongo war bemerkenswert (Preis: drei Millionen Euro). Anders als Dulon setzte die New Yorker Galerie Dominique Levy auf die Deko-Effekte der afrikanischen Statuen, kombinierte sie mit einem für elf Millionen Dollar angebotenen Miró oder einem Pierre Soulages von 1957 für 3,2 Millionen Euro. Ebenso sensibel für die Migration der Formen stellte der Brüsseler Spezialist Didier Claes zwischen Fetische, Masken und Totems aus Afrika kleine Calder-Mobiles. "Die scharfe Trennung zwischen Experten und Ästheten gibt es nicht mehr", bestätigte er, "auf der Biennale wird gekauft, was gefällt." Dass er die Crème de la Crème in Sachen Rarität und Qualität anbiete, verstehe sich von selbst, fügte er mit Verweis auf eine Luba-Karyatide aus dem Kongo hinzu. Das Vorzeigestück soll 600.000 Euro kosten. Die Antiquitäten liefern so dem globalen Luxuskonsumenten das, wonach er sich sehnt: Geschichte, ins Material gefasste Authentizität.