Hironao Matsubara hält das Argument der Versorgungssicherheit für einen Bluff. In der südöstlich gelegenen Hafenmetropole Yokohama verlässt der klein gewachsene Ingenieur gerade den Versammlungssaal einer Energiekonferenz. "Es ist ein Jammer", sagt er, "dass unsere Regierung immer noch an die Atomkraft glaubt. Das Atom ist nicht sicher, nicht grün, und vor allem brauchen wir es nicht für unsere Volkswirtschaft."

Matsubara arbeitet für das regierungsunabhängige Institut für Nachhaltige Energiepolitik (Isep). Im März sorgte sein Thinktank für einen kleinen nationalen Aufschrei, als er in seinem Jahresbericht befand: Wenn Japan heute die richtigen Entscheidungen trifft, kann es in Zukunft auch ohne Atomkraft das erreichen, wovon Leute wie Tanaka träumen – ganz ohne Energieimporte zu wirtschaften. Bis 2050 wäre sogar ein Energiemix möglich, der sich ausschließlich aus Erneuerbaren speist. Zu ähnlichen Befunden sind auch andere Organisationen gekommen, darunter WWF Japan, Greenpeace Japan, der Klimaschutzverein Kiko Network und die amerikanische Stanford University.

Heute liegt der regenerative Anteil am japanischen Energiemix bei nur zehn Prozent. Matsubaras Institut und der WWF schätzen, dass für einen ausschließlich aus erneuerbaren Energien bestehenden Energiemix bis 2050 jährliche Investitionen von zehn Billionen Yen nötig wären (rund 73 Milliarden Euro). Aber sie würden sich wohl lohnen: Neue Wachstumsbranchen und eine sauberere, sicherere Energieversorgung wären möglich.

Allein Offshore-Windanlagen wird ein Potenzial zugetraut, das fünfmal so hoch ist wie die Kapazität aller japanischen Atomreaktoren. Im von Matsubara ausgearbeiteten Energiemix würden auch Solarenergie und verschiedene Formen der Wasserkraft eine zentrale Rolle spielen. Und dann wäre da noch die Erdwärme. Laut der in Bochum ansässigen International Geothermal Association verfügt Japan über die weltweit drittgrößten Reserven. Warum sie bisher kaum zur Energiegewinnung genutzt werden? "Die einflussreiche Thermalbäderbranche ist dagegen", sagt Matsubara. Die unzähligen Naturquellen haben eine jahrhundertelange Tradition in Japan. Die Betreiber befürchten, dass durch eine stärkere Förderung von Geothermalkraft ihr Geschäftsmodell der heißen Naturbäder beschädigt würde.

Aber selbst ohne Erdwärme errechnen Isep, WWF, Greenpeace und Stanford jeweils: Japan brauchte die Atomkraft nicht. Vorausgesetzt, es investierte entschlossen in regenerative Energien und reduzierte seinen Energieverbrauch. Immerhin suchten japanische Politiker zuletzt auffällig häufig den Austausch mit Ländern, die stark auf grüne Technologien setzen. Während Premier Shinzo Abe im Frühjahr verkündete, die Atomkraft sei "eine wichtige Energiegrundlage", wird zugleich in regenerative Quellen investiert. In Fukushima ist man stolz, den größten Windpark der Welt zu bauen.

Mayumi Sawada hat auch deshalb ihre Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. Nach dem Bericht über die Wiederinbetriebnahme der zwei Reaktoren konnte die Öffentlichkeit bis Mitte August ihre Meinung äußern. Mehr als 17.000 Briefe gingen bei der Behörde ein. "Es gibt bisher keinen ausgearbeiteten Evakuierungsplan für Menschen aus der Umgebung", klagt die junge Frau. In dem Sicherheitsbericht vom Betreiber Kyushu Electric steht zudem, dass in einem 160-Kilometer-Radius 39 Vulkane brodeln. Viele Japaner wünschen sich zumindest mehr Sicherheitsvorkehrungen.

Noch müssen die Regierungen der Präfektur Kagoshima sowie der Stadt Sendai der Wiederinbetriebnahme zustimmen. Selbstverständlich ist so ein Ja der Lokalpolitik nicht: Erst im Juli gewann in der Nähe ein Politiker eine Regionalwahl, weil er eine Anti-Atomkampagne geführt hatte.