Welcher Autofahrer kennt das nicht: Plötzlich ist der tägliche Stau noch länger als sonst, denn vor einem hat es gekracht, und eine der Fahrspuren ist dicht. Erreicht man nach gefühlten Ewigkeiten und mehreren Fast-Auffahrunfällen endlich die Engstelle, stehen da zwei rauchende und telefonierende Menschen seelenruhig neben ihren Autos, die zwar dramatisch quer stehen, an denen aber so gut wie nichts zu sehen ist. Und schreit man die zwei Wahnsinnigen aus dem Fenster an, ob sie nicht anderswo Pause machen könnten, erwidern die unbeirrt, sie warteten auf die Polizei.

Ist man nicht verpflichtet, nach einem Minischaden die Unfallstelle schnell zu räumen? Und muss man sich bei kleineren Schäden denn nicht untereinander einigen? Man ist ja schließlich nicht mehr im Kindergarten. Oder doch?

Es kommt drauf an. Das eigene Auto ist für viele Menschen ein Teil ihrer selbst. Wird es von einem anderen angerempelt, ist das ein ähnlicher Schock, als bekämen sie persönlich einen Tritt in den Hintern. Nur mit viel komplizierteren Folgen:

Wenn das Auto beschädigt ist – wovon man ausgehen kann, denn die Stoßstangen sind heute zu Stoßfängern mutiert, zu Hightechteilen, die zwar sicherer sind, aber offenbar nichts lieber tun, als kaputtzugehen –, dann muss die Stelle abgesichert werden. Zeugen müssen befragt, Schäden fotografiert werden. Und man lichtet am besten auch den Unfallgegner ab, von dem man nur hoffen kann, dass er erstens keinen Zweifel daran lässt, wer schuld ist: er natürlich. Dass er zweitens nicht betrunken ist, bekifft oder klebstoffberauscht. Dass er außerdem nicht abhaut, schon gar nicht mit ausländischem Kennzeichen. Und dass er nicht anfängt, plötzlich auf einen einzuschlagen. Oder, schlimmer, aufs Auto.

Es gibt jede Menge Unabwägbarkeiten, vor allem wenn einem die Routine fehlt, weil man nicht jede Woche einen Unfall hat. Aus diesem Grund gilt die Regelung: Bei "Bagatellschäden" bis etwa 750 Euro muss man die Polizei nicht rufen. Aber man kann.

Laut dem deutschen Anwaltverein sollte man das sogar immer tun. Denn da ist noch die Skrupellosigkeit gegnerischer Versicherungen und der zutiefst menschliche Wunsch, doch kein Idiot zu sein. Beides kann dazu führen, dass jemand, der gestern noch heulend beteuerte, er übernehme die volle Verantwortung, heute eiskalt erklärt, man sei an den Beulen auf der anderen Wagenseite auch noch schuld. Und er wolle Schmerzensgeld.

Außerdem ist ein Bagatellschaden schnell keiner mehr. Besagte Hightechstoßfänger sind so raffiniert konstruiert, dass schon ein scheinbarer Kratzer Kosten von einigen Tausend Euro verursachen kann, weil bei der Reparatur ungefähr das halbe Auto ausgewechselt werden muss. Will man ganz sichergehen, braucht man also tatsächlich die Polizei. Wer sich ein Bußgeld wegen Verkehrsbehinderung sparen will, sollte allerdings, bis sie kommt, am Straßenrand parken.