In China greift die Regierung derzeit gerne in die Mottenkiste. Und was findet sie dort? Die politischen Werkzeuge der Mao-Zeit. Die zuofeng wenti etwa, die öffentliche Beschämung einer Person aufgrund ihres sittenwidrigen Lebenswandels. Vergangene Woche traf es den Regisseur Wang Quan’an, dessen Film Tuyas Hochzeit 2007 den Goldenen Bären gewann. Er wurde festgenommen, weil er sich mit Prostituierten vergnügt haben soll. Die Polizei veröffentlichte die Nachricht auf ihrem Microblog und gewährleistete damit, dass noch das letzte Medium den Fall aufgriff.

Die Schmutzkampagne begann im vergangenen Jahr mit der Festnahme von Charles Xue, einem einflussreichen Blogger, der sich ebenfalls von Prostituierten bedient haben lassen soll. Xue wurde zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen vorgeführt, wo er in Handschellen und grüner Häftlingskleidung ein bizarres Geständnis ablegen musste. Interessanterweise ging es dabei weniger um Prostitution als um seine Rolle als Blogger. Im Mai folgte die Internierung des Schauspielers Huang Haibo, ebenfalls wegen Prostitution, er befindet sich noch immer in Erziehung unter Arrest. Auch der kritische Essayist Murong Xuecun muss eine Kampagne wegen angeblicher Vielweiberei bei Twitter über sich ergehen lassen.

Die moralische Empörung muss sich nicht immer auf Tatsachen stützen. Yu Xinqiao, Chinas derzeit berühmtester Dichter, der in den neunziger Jahren eine Untergrundpartei gründen wollte, wurde eines Tages von einer Journalistin interviewt, die ihn auffällig nett anlächelte. Sie hatten ein Verhältnis, und nach einem halben Jahr wussten sowohl die Frau als auch die Staatssicherheit genug über Yus Pläne. Er wurde der Vergewaltigung angeklagt und landete für acht Jahre im Gefängnis.

Die neue Kampagne verfolgt offensichtlich mehrere Ziele. Sie schafft ein Klima totaler Verunsicherung und damit die besten Voraussetzungen für Selbstzensur. Exempel dürfen statuiert, alte Rechnungen beglichen werden. Regisseur Wang drehte keine regierungskritischen Filme, traf jedoch Angela Merkel bei ihrem letzten Besuch in China. Danach drangsalierten ihn Sicherheitskräfte, all seine Projekte wurden abgesagt.

Das sogenannte sittliche Vergehen war schon in der Kulturrevolution eine entsetzliche Waffe. Damals wurden Frauen, denen eine Affäre nachgesagt wurde, höhnend durch die Gassen getrieben. Bis 1997 konnte ein überführter "Sittenstrolch" zum Tode verurteilt werden, noch 1983 wurde das Todesurteil an einer Frau vollstreckt, die nackt gebadet und Sex mit mehreren Männern gehabt hatte. Längst ist China ein sexuell relativ liberales Land – umso archaischer mutet die derzeitige Schmutzkampagne an. Vor allem, weil es mit der Moral der staatlichen Moralwächter oft nicht weit her ist. Die sexuellen Eskapaden der chinesischen Beamtenschaft sorgen immer wieder für Aufsehen. Ganz besondere Verdienste erwarb sich diesbezüglich der ehemalige Parteisekretär Lei Zhengfu, dessen Sexvideo ihm landesweiten Ruhm als "Herr 12 Sekunden" einbrachte.