Im zehnten Jahr seines Bestehens kann man dem Deutschen Buchpreis eines attestieren: Er hat es geschafft, ein neues journalistisches Genre zu etablieren, den Longlist- beziehungsweise Shortlist-Kommentar. In diesem Genre lässt die Literaturkritik so viel heiße Luft ab, dass man sich ernsthaft fragt, wie der Psychodruckausgleich des Betriebs vor Erfindung dieses Ventils sichergestellt werden konnte. Insofern darf man jetzt schon nach Frankfurt melden: Die deutsche Literaturkritik braucht den Buchpreis wie die Luft zum Atmen.

In den ersten Jahren war alles noch harmlos. Nach Bekanntgabe der Shortlist schrieben Kritiker Kommentare über die Nominierten, vermissten den einen Titel oder fanden den anderen zu Unrecht aufgenommen. Doch dabei blieb es nicht. Schließlich schreiben in deutschen Zeitungen keine schlichten Gemüter, sondern Köpfe, die jede verborgene Verblendungsstruktur erkennen – leider aber auch die alltagspraktische Selbstrelativierung suspendieren, nach der es höchst unwahrscheinlich wäre, wenn eine Jury aus sieben freien Geistern in einem so subjektiven Feld wie der literarischen Wertung exakt dieselben Präferenzen träfe wie man selbst. Stattdessen ruft man: Skandal! Fehlt auf der Liste das Buch, das der Kritiker gerade zur wichtigsten Neuerscheinung des Jahrzehnts erklärt hat, so wird er nicht zögern, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, dass die Jury nicht ästhetischen, sondern kommerziellen Kriterien folge.

Und dabei bleibt es nicht. Längst werden auch die dramaturgischen Gesetze der Shortlist-Kritik selbst seziert, weil eigentlich erst im Metadiskurs alle so richtig warmlaufen. Die Affekte und die Gereiztheit nehmen mit der Steigerung des Abstraktionsgrades zu, nicht ab (wie man meinen könnte). Ein Urteil über ein Buch lockt niemanden hinter dem Ofen hervor. Ein Urteil über den Buchbetrieb als Ganzen – schon sind alle hellwach.

Die Welt hatte diesen Sommer die Longlist für frauenpolitisch untragbar erklärt, weil unter den zwanzig Nominierten nur fünf Frauen waren. Um Bücher und ihre literarische Qualität ging es dabei mit keinem Wort. Das wäre vermutlich bei einer so umfassenden Gerechtigkeitsfrage auch zu kleinlich gedacht. Ebenso kleinlich, wie dem Umstand gedanklich Rechnung zu tragen, dass der Buchpreis bisher sechs Mal an Frauen und nur drei Mal an Männer gegangen ist – was ist da im Old-Guys-Network schiefgelaufen?

Es ist halt wohl so: Die Leute lesen einfach nicht so gerne, was Kritiker über Bücher denken. Hingegen reiben sie sich – strahlend übers ganze Gesicht – die Hände vor Freude, wenn sich Literaturkritiker gegenseitig die Lesefähigkeit absprechen. In dieser Glosse kommen Sie, schadenfroher Leser, nicht auf ihre Kosten: Wir geben mit Freude kund und zu wissen, dass die Autoren Thomas Hettche (Pfaueninsel), Angelika Klüssendorf (April), Gertrud Leutenegger (Panischer Frühling), Thomas Melle (3000 Euro), Lutz Seiler (Kruso) und Heinrich Steinfest (Der Allesforscher) für den Deutschen Buchpreis nominiert sind. Und selbst unser Missvergnügen darüber, dass es Michael Kleeberg mit Vaterjahre nicht einmal auf die Longlist geschafft hat, schlucken wir unhörbar herunter.