Am Tag ihres Triumphes sieht Shermin Langhoff aus, als habe sie die letzte Nacht, die letzten Monate nur knapp überlebt. Es ist zehn Uhr morgens an einem Mittwoch im August, kurz vor Ferienende. Langhoff sitzt schmal und graugesichtig in ihrem schwarzen Mercedes, die glatten braunen Haare hängen ihr strähnig ins Gesicht, ihre schwarze Bomberjacke umhüllt sie wie ein Panzer. Mit ihrer Rechten fingert sie eine Zigarette nach der anderen aus der Packung und inhaliert mit hektischen Zügen am offenen Wagenfenster. Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters, ist auf dem Weg zur Probebühne im Berliner Stadtteil Weißensee.

Das Gorki ist ein Staatstheater, und Langhoffs Titel klingt eindrucksvoll, doch die Probebühne ist nur eine alte Autohalle, versifft, nicht beheizbar und bei den Schauspielern verhasst. Es werden die letzten Proben an diesem Ort sein. Im Reingehen sagt Shermin Langhoff: "Meine ersten beiden Amtshandlungen waren: eine neue Kantine und neue Proberäume."

Sie hat wenig geschlafen. Am Vortag hat der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, einer ihrer Förderer, überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Bis tief in die Nacht hinein hat sie gemeinsam mit Intendantenkollegen anderer Theater gerätselt, was das nun bedeutet für sie alle und für die Hauptstadtkultur. Jetzt, am Morgen, wirkt das Ensemble ähnlich mitgenommen wie seine Chefin: Der Regisseur Sebastian Nübling kühlt nach einem Fahrradunfall sein Auge, ein Schauspieler fehlt, er hat sich bei den Proben den Rücken lädiert, ein anderer trägt einen Nasenschutz, er hat sich, ebenfalls ein Arbeitsunfall, die Nase gebrochen. Nur noch zwei Wochen sind es bis zur Uraufführung von Fallen, einem Tanztheaterstück über junge Männer und Gewalt.

Fallen ist vom Schicksal des Jonny K. inspiriert, der auf dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt wurde. Täter und Opfer hatten einen "Migrationshintergrund", so stand es in den Zeitungen. Das Stück dreht sich um die Fragen: Wann ist man deutsch? Wann gehört man dazu? Es sind auch die Fragen von Shermin Langhoff, die in diesem Jahr 45 wird und mit neun aus der Türkei nach Deutschland kam.

Im Proberaum ist ein überdimensionierter Sandkasten aufgebaut. Darin wärmen sich neun junge Männer in verdreckten Trainingsanzügen auf. Sie machen Sit-ups und Liegestütze, sie keuchen und stöhnen. Besorgt hockt sich die Intendantin an den Rand des Sandkastens. "Ich weiß nicht, ob es gut war, das Stück an den Anfang der Saison zu setzen." Ein paar ihrer Schauspieler seien es nicht gewohnt, körperlich so hart zu arbeiten. Noch deutet wenig darauf hin, dass dies ein guter Tag für sie und das Ensemble werden wird.

Leise erzählt Langhoff über die jungen Männer, die sich im Sandkasten abmühen. Die meisten von ihnen kommen aus Einwandererfamilien. Langhoff kennt sie gut, viele hat sie gefördert. Hassan Akkouch zum Beispiel, der aus dem Libanon stammt und gerade auf unnatürliche Weise seinen Rücken verbiegt. Vor zehn Jahren hat Langhoff ihn bei einem Tanzprojekt entdeckt. Er und seine Familie sollten abgeschoben werden. Langhoff half mit, Geld für den Anwalt zu sammeln.

Hassan Akkouch ist in Neukölln aufgewachsen, er war früher in einer Jugendgang – eine Erfahrung, die er mit manchen Schauspielern hier teilt. Einer von ihnen saß mal im Gefängnis. Es ist auch die Realität dieser jungen Männer, die in Fallen verhandelt wird, sie kennen die Gewalt, um die es geht. Jeder auf seine Weise. Für Akkouch ist es die "Gewalt der Ämter". Im Stück sprintet er ständig hin und her. "Das hat viel mit mir zu tun", sagt er. Das ständige Laufen von Amt zu Amt. Das Gefühl, nie anzukommen. Akkouch ist 26, seit 24 Jahren lebt er in Deutschland. Vor Kurzem erst hat er die Zusage für eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen.

Seit der vergangenen Spielzeit leitet Langhoff das Gorki, zusammen mit Jens Hillje, ihrem Co-Intendanten. "Die Türkin und der Schwule" nennen sich die beiden selbstironisch. Sie wissen, dass nicht nur ihre Schauspieler eine Rolle zu spielen haben, sondern auch sie selbst. Die Rolle der Außenseiter im Hauptstadttheater. Ihr Auftrag: Sie sollen das stets unterfinanzierte, kleinste Staatstheater Berlins rocken. Bei ihnen bekommt jede Minderheit eine Bühne – die Migranten, die Spätaussiedler, die Homosexuellen.

Shermin Langhoff will ein Theater, das nah an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, das die aktuellen Konflikte verhandelt und politische Positionen bezieht. Sie will sich einmischen.

Als Shermin Langhoff ihren Posten übernahm, reagierte die Theaterwelt skeptisch. Es wurde über den "Multikulti-Stadl" gewitzelt, dessen Qualitäten vielleicht für die kleine Off-Bühne reichten, die Langhoff zuvor geleitet hatte, aber doch nicht für ein Staatstheater mitten in der Hauptstadt. Und gebe es überhaupt genügend gute Schauspieler mit "Migrationshintergrund"? Es war die Arroganz der bürgerlichen Hochkultur, die Shermin Langhoff entgegenschlug.

Oft war Langhoff seitdem auf Titelbildern zu sehen, in den Feuilletons erschienen viele Seiten über sie. Auch dass die ZEIT sie über mehrere Monate hinweg begleitet, zeigt: Ihre Besetzung war keine Selbstverständlichkeit. Sie ist die erste türkischstämmige Intendantin eines deutschen Staatstheaters und erst die vierte Frau auf einem solchen Posten. Langhoff zählt die anderen auf: "Helene Weigel, Ruth Berghaus, Andrea Breth – in der Reihe kann ich nicht mithalten. Wie soll ich denen gerecht werden?" Es klingt ein wenig kokett. "Mit meinen männlichen Kollegen auf Intendanzebene heute darf man mich gern vergleichen."