David, Edgar und Franz sind Männer, wie es sie vielleicht nur noch auf St. Pauli gibt. Kantige Kerle, die nicht viel quatschen. Die im Hafen arbeiten, als Fernfahrer oder als Lageristen. Sie tragen eine schwarze Lederjacke oder Jogginghose und Unterhemd. Ihre Haut schmücken sie mit Tätowierungen von Dolchen, Bären und Totenschädeln. Sie träumen von der Boxkarriere oder vom großen Geld im Automatencasino. Mit Hunden können sie besser umgehen als mit Menschen. Und im Radio läuft Bruce Springsteen.

Von diesen Männern erzählt Jens Eisel in seinem ersten Buch Hafenlichter, einem Kurzgeschichtenband. Eisel weiß, wovon er spricht, so legt es die Kurzbiografie im Buchumschlag nahe: Nach der Schlosserausbildung arbeitete der gebürtige Saarländer als Hausmeister, in einem Lager und als Pfleger in Hamburg. Dann ging er ans Literaturinstitut in Leipzig, gewann im vergangenen Jahr den Berliner Lesewettbewerb Open Mike.Nun folgt sein literarisches Debüt, dessen Geschichten fast ausschließlich in der Nähe der Reeperbahn spielen. Jens Eisel schreibt, wie seine Helden sprechen würden: mit knappem Wortschatz, kurzen Sätzen, wenig Adjektiven und ohne Metaphern.

David, Edgar und Franz haben ein Problem. Ihre Väter haben sie gelehrt, wie man auf Pferde wettet und Mundharmonika spielt. Was ihre Väter sie jedoch nicht gelehrt haben, ist, wie man den Anschluss behält in einem Land, dem seine Industrie abhandenkommt. Und wie man mit Frauen umgeht, die mehr wollen, als am Tresen zu stehen und ungefragt neues Bier hinzustellen. Deshalb hocken die Männer in Jens Eisels Geschichten oft im "Zum glühenden Anker", in einer fiktiven Kneipe, die für ihre Gäste – passend zum Namen – zugleich Versuchung und Heimat ist. Geografisch muss man sie sich irgendwo zwischen den vielen realen Orten der Geschichten in Hafenlichter vorstellen, zwischen "Ritze", Hans-Albers-Platz und Fischauktionshalle. Vielleicht auch in der Davidstraße, wo das "Zum Anker" liegt. Oder auf dem Hamburger Berg, beim "Goldenen Handschuh".

Hafenlichter zeichnet ein nostalgisches Bild von St. Pauli, nicht nur wegen der archaischen Männer, die es bevölkern. Musicaltouristen gibt es hier nicht, auch keine selbst ernannten Kreativen und Investoren. Handy, Internet, Glasflaschenverbot: Solche Hinweise auf die Gegenwart meidet Jens Eisel. Fast wartet man beim Lesen seiner Geschichten darauf, dass gleich eine Straßenbahn klappernd übers Kopfsteinpflaster der Reeperbahn fährt, wie in einem alten Film von Klaus Lemke. Aber das hier sind nicht die siebziger Jahre, das ist das 21. Jahrhundert, und dass sich das Viertel verändert, lässt Eisel viel zu selten erahnen, wenn er den Abriss der Astra-Brauerei erwähnt und die stählernen Palmen des Park Fiction.

Vieles wird nur angedeutet . 17 Geschichten enthält das Buch, sie heißen Öl, Sturm, Abschied und sind ähnlich knapp gehalten wie ihre Titel: Ihre Lesezeit erschöpft sich schneller als die Gültigkeit eines Nahbereichstickets des HVV. Gute Literatur, so lehrte es Ernest Hemingway, ist wie ein Eisberg. Sichtbar ist nur der kleinste Teil der Geschichte, um die es geht. Das meiste ist nur erahnbar, dunkel und untergründig. Wie bei Hemingway und Raymond Carver ist bei Jens Eisel kein Wort zu viel. Aber es ist, anders als bei diesen Meistern der Reduktion, leider auch kein einziges Wort überraschend.

Jens Eisels Storys gehen auf Nummer sicher: Kein Schauplatz, der nicht sofort Postkartenmotive heraufbeschwört (die Hafenlichter, der Fischmarkt, die Köhlbrandbrücke, meist nachts und im Regen). Kein Detail, das die Geschichten verrätselt. Kein Charakterzug, der seine Protagonisten unverwechselbar macht, sie wie Menschen aus Fleisch und Blut erscheinen lässt. David, Edgar und Franz sind Männer, wie es sie vermutlich nicht mal mehr auf St. Pauli gibt. Und vermutlich hat es sie noch nicht einmal gegeben: Denn sie sind nichts anderes als sorgfältig mit dem Teppichmesser ausgeschnittene Pappkameraden.

Jens Eisel nimmt sein Handwerk ernst, er hat an der Sprache und an den Plots seiner Geschichten gedrechselt und gefeilt. Aber seine Kurzgeschichten verweisen auf eine Tradition, der sie nichts hinzuzufügen haben. Es sind Fleißarbeiten ohne Seele. Wer Geschichten von Männern und Hunden lesen will, von Boxkämpfen und Pferdewetten, von Hinterhöfen und Eckkneipen, der wird damit leben müssen, dass die originelleren und poetischeren, verstörenderen und betörenderen dieser Geschichten in den Büchern von Clemens Meyer zu finden sind – und deshalb in Leipzig spielen, nicht auf St. Pauli.