Malala Yousafzai – hinter diesem Namen verbergen sich zwei Mädchen: Das eine lernt ehrgeizig für die Schule und streitet sich mit seinen beiden jüngeren Brüdern. Das andere reist in den Ferien um die Welt, trifft Staatschefs und hält Reden. Bei unserem Treffen in New York sitzt zwar nur eine Person im Sessel, doch zwei scheinen zu antworten. Die eine lacht unbeschwert, macht Witze und zieht ihren Vater auf, der mit zum Interview gekommen ist. Dann übernimmt plötzlich die andere Malala, die geübt ist im Redenhalten und der man anmerkt, dass sie einige Dinge schon sehr oft erzählt hat.

Hinweis der Redaktion: Das folgende Interview stammt aus der KinderZEIT vom 18. September 2014. Wir haben es aus gegebenem Anlass hier unverändert übernommen.

DIE ZEIT:Malala, die Welt kennt Dich als das Mädchen, dem die Taliban in den Kopf geschossen haben. Wie würdest Du Dich selbst vorstellen?

Malala Yousafzai: Ich bin Malala, ich bin eine Schülerin, und ich kämpfe dafür, dass jedes Kind auf der Welt zur Schule gehen kann und darf.

ZEIT: Glaubst Du denn, dass Kinder die Macht haben, die Welt zu verändern?

Malala: Ganz sicher, ich bin doch das beste Beispiel. 2007 kamen die Taliban in mein Tal und bedrohten uns mit Waffen. Sie haben Hunderte Schulen zerstört, weil sie nicht wollten, dass Kinder etwas lernen. Wir Mädchen sollten zu Hause bleiben, kochen, putzen und die Männer bedienen. Ich war zehn Jahre alt, und mir war klar, dass ich etwas tun musste. Sonst wäre ich mit 14 oder 15 verheiratet worden, hätte Kinder bekommen, und das wäre mein Leben gewesen.

ZEIT: Nicht alle Mädchen haben sich gewehrt ...

Malala: Es gab schon auch einige andere wie mich, aber wir wurden bedroht. Unser Leben war in Gefahr. Ich hatte die Unterstützung meines Vaters und seiner Freunde, deshalb konnte ich weiterkämpfen. Damals sah ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich bleibe still und warte darauf, getötet zu werden. Oder ich sage meine Meinung und riskiere, dafür zu sterben. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden.

ZEIT: In der kommenden Woche erscheint ein neues Buch mit Deiner Geschichte. Warum ist es Dir wichtig, dass die ganze Welt von Deinem Leben erfährt?

Malala: Ich möchte, dass Menschen wissen, was in Pakistan geschieht. Welche Schwierigkeiten Mädchen bekommen, wenn sie zur Schule gehen und später einen Beruf haben wollen. Es ist ja nicht nur meine Geschichte, ich stehe für viele, viele andere.

ZEIT: Du hast eine Stiftung gegründet, mit der Du für Bildung kämpfst. Was sind Deine Ziele?

Malala: Nicht nur Terroristen verhindern, dass Kinder lernen können. In einigen Ländern sind Mädchen nicht so viel wert wie Jungen, und ihre Ausbildung ist nicht wichtig. In anderen Ländern herrscht große Armut, und die Kinder müssen Geld verdienen. Wir müssen älteren Menschen erklären, dass Kinder nicht betteln und arbeiten gehen sollen, sondern in eine Schule gehören. Wir brauchen Menschen, die verstehen, wie wichtig Bildung ist. Menschen, die nicht alles Geld für Waffen und Krieg ausgeben. Ein Staat mit vielen Waffen ist nicht mächtig, er zeigt nur, wie viel Angst er hat.

ZEIT: Hast Du solche politischen Fragen schon verstanden, als Du jünger warst?

Malala: Ich habe nicht sehr viel verstanden, aber sicher mehr als Kinder meines Alters in Europa oder Amerika. Denn ich habe jeden Tag so viel Ungerechtigkeit gesehen. Es ist etwas anderes, ob man davon hört und in der Zeitung liest oder ob man es selbst erlebt. Ich war damals sehr enttäuscht von unserer Regierung. Jeden Tag geschahen schreckliche Dinge, und niemand hat etwas dagegen getan. Warte nicht darauf, dass Dir jemand anders hilft, es könnte zu lange dauern. Tu selbst etwas. Das habe ich damals gelernt.

ZEIT: Was kann ein Kind in Deutschland tun?

Malala: Wir Jungen sind alle sehr gut in Social Media, kennen uns mit Facebook und Twitter aus. Das sollten wir nutzen, um unsere Botschaften zu verbreiten. Wir können uns mit Freunden zusammentun und überlegen, wem wir wie helfen wollen. Jeder kann an die Regierung seines Landes schreiben und fragen, was die für Kinder in ärmeren Ländern tut. Man muss den Leuten auf die Nerven gehen und sie zwingen, Bildung zu ihrer wichtigsten Aufgabe zu machen.