Trabrennbahn Bahrenfeld, Backstagebereich. Neben Umkleideräumen stehen Holzbänke und Holztische. Neben Holzbänken und Holztischen steht ein Zelt mit Buffet drin. Neben dem Zelt mit Buffet stehen die Toiletten. In der Mitte steht Nico Suave. Eigentlich, sagt er, sei er nicht mehr nervös vor solchen Auftritten, er mache das ja schon seit zwanzig Jahren. Aus der Seitentasche seiner Jeansjacke fingert er eine Zigarette, zündet sie an, zieht hastig. Aber hier, vor seiner Familie, vor all den Fans, vor seinen Förderern, das sei schon heftig. Für Nico Suave, den Rapper, ist es das letzte Konzert seiner Tour, der größten Konzertreise seines Lebens. Draußen stehen 12.000 Zuschauer. Sie warten auf ihn.

"Ich geh noch mal wohin", sagt er, schmeißt die Zigarette weg und verschwindet.

Nico Suave, der Verschwundene, das war einmal seine Geschichte.

Ende der Neunziger gehörte er zu diesen Typen, die kifften und Zeilen texteten, in denen sich die Jungs aus seiner Generation wiederfanden. Abhängen, Skateboard fahren, Mädels abchecken, das war sein Alltag.

Ich kann mir nichts mehr merken / ich weiß nicht mehr / Verläuft mein Leben schlecht oder rund wie im Kreisverkehr?

Seine Lieder hießen Vergesslich oder Ich sage ja!. Sie erschienen bei Universal und liefen auf Viva und MTV. Doch dann, als der Hamburger HipHop nicht mehr die Massen erreichte, die Medien nach Berlin schauten mit seiner aggressiven Rapszene, tauchte auch Nico Suave ab. Er hörte nie auf, Texte zu schreiben. Aber weil kaum jemand mehr sie hören wollte, schleppte er Kisten und arbeitete in einer Fabrik, um die Miete zu bezahlen.

Jetzt, ein Jahrzehnt später, ist er wieder da: Er hat gerade eine Tour mit Xavier Naidoo beendet, mit dem Abschlusskonzert auf der Trabrennbahn. Diesen Samstag wird er Hamburg beim Bundesvision Song Contest vertreten und mit Stefan Raab auftreten. Im November kommt das nächste Album. Gaststars: Samy Deluxe und Xavier Naidoo.

Nico Suave, der Durchhaltekünstler, der gegen alle Widerstände seiner Musik treu blieb und dafür belohnt wurde – das ist seine neue Geschichte.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der Band läuft aus dem Backstagebereich über den staubigen Platz zur Bühne. Nico Suave geht vor. Noch eine Zigarette. Dann das Ritual: einen Kreis bilden, die Arme ausstrecken, sechs Fäuste, die das Bild eines Knotens ergeben. "Wir waren drei Monate unterwegs", ruft Suave, "es war ein Riesenfest. Ich bin extrem traurig, dass es heute vorbei ist. Aber wir werden das hier durchziehen und den Laden auseinandernehmen!" Kurz drauf donnert der erste Song aus den Boxen:

Ich vertraute auf mein Glück / es zerbrach in tausend Stücke / doch ich bau’s immer wieder neu zusammen.

In einer Zeit, in der Stars wie Britney Spears im Monatstakt ihr Comeback verkünden, ist Nico Suaves Rückkehr ein tatsächliches Ereignis. Weil er einfach nicht aufhören konnte, Musik zu machen. Seine Musik, der er treu geblieben ist, auch wenn die Branche ihn längst vergessen hatte.

Nico Suave hat nie viel erzählt von der Zeit, in der es immer rasanter abwärtsging. Er wollte nach außen der coole Nico bleiben, der Party macht und Freude am Leben hat. Jetzt, da der Erfolg zurück ist, will er das ändern.

Elbgold, ein hippes Café in der Schanze. Die S-Bahn rattert vor der Tür, drinnen sitzen junge Mütter mit sportlichen Kinderwagen. Nico Suave fläzt sich in den Stuhl und sagt: "Oh Mann, ich bin so fertig." Den Abend zuvor war er noch in Berlin, im Studio, hat an den letzten Feinheiten für seine Platte gearbeitet. Um zwei kam er nach Hause, um halb sieben ist er aufgestanden, die Tochter füttern. Er ist 36. Er ist verlobt. Sein Kind ist sieben Monate alt. Das Karma, sagt er, sei wieder "nice".

Was der taffe Junge mit den Tattoos auf dem Arm und der Gangstermütze auf dem Kopf dann über Rap sagt, klingt zärtlich, wie eine Liebeserklärung. Die Musik, das ist die Geliebte, der man ewige Treue schwört. Die man nie wieder gehen lässt.