DIE ZEIT: Frau Lunger, Sie haben diesen Sommer den 8.611 Meter hohen K2 bestiegen, ohne Sauerstoffflasche und ohne Hilfe von Trägern. Von Samstag an bedienen Sie wieder auf dem Oktoberfest. Was ist härter, Berg oder Bierfest?

Tamara Lunger: Das Oktoberfest. Permanent ist es laut, ständig sind unendlich viele Menschen um einen herum. 16 Stunden am Tag ohne Pause, und das 16 Tage am Stück – für einen Bergsteiger, der die Stille und die Natur liebt, ist das schon fast Folter.

ZEIT: Sie scheinen sich ja ganz gut quälen zu können: Anfang September haben Sie einen Transalpinlauf gewonnen. Da braucht man Härte gegen sich selbst ...

Lunger: 293 Kilometer und 13.730 Höhenmeter in nur acht Tagen! Von Anfang an haben meine Knie gezwickt, zum Ende hin hat sich noch – auch wenn das bescheuert klingt – mein Gesäßmuskel entzündet. Das hat so wehgetan, ich war den Tränen nahe und konnte mir nur immer wieder sagen: "Du weißt, dass du es schaffen kannst – und jetzt musst du eben leiden."

ZEIT: Wer so etwas durchsteht, dem macht doch das bisschen Bierzelt nichts aus.

Lunger: Als ich letztes Jahr zum ersten Mal dort gearbeitet habe, hatte ich Angst, dass irgendwann Sehnen und Gelenke streiken, weil man ständig 20 halbe Hendl auf dem Tablett stemmen muss. Das war aber gar kein Problem, eher, dass ich mich zum Ende hin ziemlich erkältet habe. An der Essenausgabe ist es heiß, auf dem Weg zu den Tischen muss man an den Eingängen vorbei, wo es zieht. Die größten Schwierigkeiten hatte ich allerdings immer nach Feierabend.

ZEIT: Wieso?

Lunger: Das Zelt schließt um ein Uhr nachts, dann muss man putzen und abrechnen. Um zwei kommt man nach Hause, hundemüde. Aber man kann nicht einschlafen; der Kopf ist noch viel zu wach und aufgeregt, weil er die Reizüberflutung aus dem Bierzelt verarbeiten muss. Und sieben Stunden später, um neun Uhr morgens, beginnt schon wieder der Dienst.

ZEIT: Was hilft dagegen? Eine Maß Bier als Sedativum?

Lunger: Manche Kollegen gehen noch aus, ich könnte das nicht. Dann hätte ich morgens auch noch einen Kater. Das Einzige, was hilft: einen Bogen Pauspapier unter das Kissen zu legen, um den Schlaf zu verdoppeln. Sagt man zumindest in meiner Heimat Südtirol.

ZEIT: Außer Ihnen fahren ja noch ein paar mehr Menschen über den Brenner zum Oktoberfest.

Lunger: Oh ja. Die Italiener kommen in Massen, vor allem am mittleren Wochenende. Das nennt man in München sogar schon "Italiener-Wochenende". Da ist jede Straße mit Wohnmobilen zugeparkt.

ZEIT: Was fasziniert Ihre Landsleute so an dem Fest?

Lunger: Das frage ich mich auch. Ich persönlich würde nie für das Oktoberfest meinen Urlaub opfern. Vielleicht interessieren sie sich für die Traditionen der Alpenregion. Zu den Christkindlmärkten in Südtirol fahren sie ja auch busweise und sind ganz begeistert.

ZEIT: Dass Biertrinken ein Teil der alpenländischen Kultur ist, passt da wahrscheinlich ganz gut.

Lunger: Wenn Sie die ehrliche Antwort hören wollen: Für die Italiener ist die Wiesn das, was für euch Deutsche Mallorca ist. In Italien sieht man fast nie einen Betrunkenen auf der Straße. Aber in München wird gesoffen, was das Zeug hält. Inzwischen begleiten sogar Carabinieri aus Südtirol die deutschen Beamten, um auf dem Fest für Ruhe zu sorgen. Wir Südtiroler betonen dann gerne unseren Autonomiestatus – zur Wiesn-Zeit sind wir nur vom Pass her Italiener.

ZEIT: Aber bei den Bedienungen müssten die Gäste aus dem Süden beliebt sein, wenn sie so viel trinken ...

Lunger: Im Gegenteil. Zum einen geben sie kein Trinkgeld, das ist in Italien nicht üblich, außer in guten Restaurants vielleicht. Trinkgeld macht bei den Bedienungen aber den größten Teil des Verdienstes aus. Die Wirte zahlen keinen Stundenlohn, sondern eine Umsatzbeteiligung, die alleine macht nicht glücklich. Zum anderen führen sich manche Italiener auf wie Tiere: übergeben sich in Gläser oder pieseln hinein, sind aufdringlich zu Frauen.

ZEIT: Wie gehen Sie damit um?

Lunger: Ich habe da einen Trick: Die meisten rechnen nicht damit, dass eine Bedienung in München fließend ihre Sprache spricht. Also warte ich, lasse sie etwas Blödsinn reden und tue so, als würde ich nichts verstehen. Nach einer Weile antworte ich auf Italienisch – dann sind sie baff. Und, weil ihnen die Sprüche von eben peinlich sind, auch etwas artiger.

ZEIT: Wie viele Maß Bier können Sie eigentlich mit Ihren Kletterer-Armen tragen?

Lunger: Keine Ahnung. Bei uns im Zelt wird nur Hefeweizen ausgeschenkt, in Halblitergläsern.