Es gibt eine Geopolitik des unglücklichen Bewusstseins, von welcher die Geschichtsschreibung bisher nicht Kenntnis genommen hat, auf dem Feld der Ideen ebenso wenig wie auf jenem der Künste. Man weiß seit Längerem, dass das Elend gerne Nationalfarben trägt. Wer hat noch nicht vom englischen Spleen gehört – der politischen Milz-Krankheit, auf welche die Leute vom Kontinent mit einer Mischung aus Verwunderung und Eifersucht blicken? Oder vom mal français, das wahlweise die Syphilis oder den Defätismus bezeichnet, neuerdings auch die Katerstimmung des Landes unter seinem von der Illusion gewählten Präsidenten, mit dem, wenn auch bei knapper Mehrheit, die evidente Nullität zur Ausübung von Macht berufen wurde? War es zudem nicht ein Jahrhundert lang eine italienische Spezialität, "unerlöst" zu sein – im 19. Jahrhundert von den Habsburgern, im 20. von der Realität überhaupt und im 21. von der bösartigen Sonderform des Realen, die man Zinsen nennt? Und die Griechen, die angeblich die Demokratie erfunden haben? Sie hatten 400 Jahre lang die Chance, ihren Besatzern, den Türken, die Grundsätze der westlichen Freiheiten beizubringen. Stattdessen haben sie sich selbst unheilbar ottomanisiert.

Man braucht die Liste der europäischen und außereuropäischen Nationen und ihrer Gemütsbelastungen nicht weiterzubuchstabieren. Man käme immer auf das gleiche Ergebnis. Es besteht in dem kollektivpsychologischen Gegenstück zu Tolstois bekanntestem Diktum: Alle glücklichen Nationen gleichen einander – hat allerdings je ein Entdecker eine solche gefunden? Hingegen ist jede unglückliche Nation auf ihre eigene Weise unglücklich.

Wenn das "unglückliche Bewusstsein" Hegel zufolge das Auseinanderfallen des vorgeblich anfangs harmonischen Verhältnisses zwischen Welt und Selbst bezeichnet, dann stellt Österreich ohne Zweifel ein Kernland des unglücklichen Bewusstseins modernen Typs das. Dieser Befund gilt namentlich seit den Tagen, in denen Autoren wie Schnitzler, Mauthner, Freud, Broch und Musil für ihre Zeit wirkungsvolle Phänomenologien des verstimmten Lebens ausführten. Vorausgegangen war ihnen Nestroy, dessen verheerender Humor das tief reichende Nichtzusammenpassen der Einzelnen mit den sogenannten "Verhältnissen" ausgeleuchtet hatte. Man möchte die Summe solcher Beobachtung geradezu die "österreichische Lektion" nennen: Je mehr sich die Einzelnen gegenüber ihren Milieus individualisieren, desto weniger ist es ihnen möglich, in ihrer "Mit-Welt" "aufzugehen".

Zeitnahe Wahrnehmungen aus der exkakanischen Situation bestätigen diesen Befund mehr denn je. Fast alle großen Namen des jüngeren österreichischen Komplexes folgen durchweg dem genannten Muster: An ihnen zeigt sich der radikale Zerfall des Zusammenhangs zwischen Selbst und Welt auf monotone, doch jeweils völlig eigene Weise. Was wäre die Literatur- und Kunstszene Österreichs während der vergangenen Jahrzehnte ohne die Emigration von Thomas Bernhard in sein Ohlsdorfer Exil? Was wäre sie ohne das Abtauchen von Elfriede Jelinek in ihre Wiener und Münchner Refugien, von denen aus sie mit der Hartnäckigkeit der unversöhnlich Verstimmten jährlich ihre Enzykliken der Unzufriedenheit versendet? Was wäre sie ohne die ständigen Fluchten Otto Muehls, der von seinem Exzesse-Labor im burgenländischen Friedrichshof über Gomera ins Gefängnis wanderte und von dort weiter zur Außenstelle des einheimischen Wahns im algarvischen Faro? Was wäre sie ohne den Rückzug des entzauberten Kybernetikers und resignierten Romanciers Oswald Wiener in das obskure Nest Mürzzuschlag, von ihm als die "Milz der Finsternis" bezeichnet, einen Un-Ort, der ihm über viele Jahre als Posten zur Beobachtung des Selbst- und Weltverfalls diente? Und was wäre sie ohne die ominösen Selbstverstümmelungen von Günter Brus, der zeitweilig lieber zugrunde gehen wollte, als ein Landeskind zu sein – und der lange lieber auf atlantischen Inseln siedelte als im unmöglichen Zuhause?

Man muss diese Zusammenhänge evozieren, wenn man den Versuch unternimmt, das Phänomen Peter Weibel, den 1945 in Odessa geborenen Sohn eines Niemands und einer Zugehfrau, in seinem österreichisch-unösterreichischen Eigensinn zu charakterisieren. Was diesen eminenten Künstler und subtilen Theoretiker mehr als alles andere kennzeichnet, ist die Tatsache, dass er unter all den notorischen Österreich-Vermeidern der loyalste Emigrant seines Landes blieb. Sein Lebenslauf – markiert durch zahllose Engagements in aller Welt – lässt keinen Zweifel an der Feststellung zu: Für die Begabten einer Nation ist zuweilen die Emigration ein verpflichtendes Schicksal, sei es die innere oder die äußere. Dass Weibel die äußere wählte, mag als das bezeichnendste Element seines intellektuellen und ästhetischen Engagements gelten. Es gibt Situationen, in denen allein der Ausgewanderte seiner Herkunft treu sein kann.

Weibel ist seiner intellektuell-künstlerischen Physiognomie zufolge als ein verspätetes Mitglied des Wiener Kreises zu kennzeichnen – ins Zeitalter der Neuen Medien versetzt. Man kann wohl mit keinem heute Lebenden über Wittgenstein, Carnap, Neurath, Schlick und all die anderen ernsthafter reden als mit ihm. Neurath, der zu Unrecht Vergessene, besitzt bis zur Stunde seine Sympathie, indes Kurt Gödel sein eigentlicher Heros wurde. Diesem Kreis gehört Weibel an, weil seinen Vorgängern ein Vorzug zukam, den auszusprechen es an der Zeit ist: Sie alle waren angesichts der Verwirrungen des späthabsburgischen Bewusstseins veritable Therapeuten der Kultur, nicht bloße Wahrnehmungskünstler und nicht bloß listige Profiteure der österreichischen Krankheit. Ihnen gemeinsam war der Glaube an die heilende Macht der logischen Behandlung existenzieller und kollektiver Verkrampfungen. Für sie durfte das unglückliche Bewusstsein nicht das letzte Wort haben. Eher waren sie bereit, mit der Metaphysik insgesamt zu brechen, jenem Kompendium des Nachteils, geboren zu sein, als mit dem Anspruch, das Leben vernünftig und glücklich zu gestalten.

Als Weibel um die Mitte der sechziger Jahre auf die neuösterreichische Bühne trat, ein überbegabter Zwanzigjähriger, der den Geschmack der kommenden Dinge verspürte, geriet er zunächst, man möchte sagen unvermeidlich, in die Gesellschaft der Wiener Aktionisten, ohne zu ahnen, dass er der einsame Wolf im Rudel werden musste. Während seine Kampfgefährten den Begriff der "Aktion" benutzten, um sich unter dem Vorwand der Körper-Befreiung immer heftigeren Enthemmungen auszuliefern – bis hin zu den ominösen Masturbationen und Defäkationen coram publico von Günter Brus –, wandte der junge Weibel sich den Materialien und den gestisch-pragmatischen Grundlagen des Kunstgeschehens zu.